Freitag, 17. Juli 2020

Emily Gunnis „Das Haus der Verlassenen“

Dieses Buch habe ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen! Gut, dass ich Urlaub habe und mir darum diese Zeit nehmen konnte ;)

Es geht um Mutter- Kind- Heime in England in den 50er/ 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Inzwischen weiß man viel über die „Magdalenen- Heime“ in Irland, über die am Ende der 1990er/ Anfang der 2000er Jahre immer mehr veröffentlicht wurde. Dass es solche Heime auch in anderen Ländern so oder ähnlich gab, ist inzwischen ebenfalls bekannt. 

Emily Gunnis schreibt in ihrem Nachwort, dass das im Roman benannte Heim eine Fiktion ist, dass es aber auch in England solche Heime gab und sie sich mit ihren Beschreibungen auf die Zustände in verschiedenen Einrichtungen auf dem Gebiet Großbritanniens bezieht.

Der Roman beginnt mit dem Brief einer jungen Frau an ein kleines Mädchen, in dem sie diesem erklärt, wie es aus dem schrecklichen Heim fliehen kann, während die junge Frau durch ihren Freitod für Ablenkung sorgen wird.

Beide, die junge Frau und das kleine Mädchen, sind gefangen in diesem, von Nonnen geführten, Heim. Das Mädchen wurde dort geboren und irgendwann von den Adoptiveltern, an die man es vermittelt hatte, zurückgebracht. Es fristet sein Dasein unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Dachboden des Hauses. Die junge Frau brachte ihr uneheliches Kind in diesem Heim zur Welt und wurde, wie alle „gefallenen“ Mädchen, die in diese Einrichtung kommen, gezwungen, es zur Adoption freizugeben. Beide müssen von morgens bis abends schwer in der Wäscherei schuften, bekommen nur wenig zu essen, sind niemals ohne Aufsicht, dürfen nie aus dem Haus, nicht einmal in den Garten- kurz: es sind Zustände, von denen man denkt, so etwas hätte es vielleicht im Mittelalter gegeben. Wie inzwischen bekannt ist, wurden diese Heime aber bis weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts- für die Verantwortlichen sehr ertragreich- betrieben.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Éric Vuillard „Die Tagesordnung“


Ein schmales Büchlein mit gewichtigem Inhalt. Ausgehend vom Treffen vierundzwanzig hochrangiger Vertreter der Industrie mit Adolf Hitler am 20. Februar 1933 skizziert Vuillard die Zeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Dabei betrachtet er vor allem das, was hinter den Kulissen geschah, das, was nicht unbedingt zum allgemeinen Wissen gehört und vergleicht am Ende die Bereitschaft der Industriellen, den Wahlkampf von Adolf Hitler zu finanzieren mit der, lange nach dem Krieg die vergleichsweise wenigen noch lebenden Zwangsarbeiter zu entschädigen, die unter unmenschlichen Bedingungen maßgeblich zum noch heute existierenden Reichtum der Firmen beitrugen.

Dieses Buch liest sich nicht mal eben so weg. Es setzt einiges Wissen über diese düstere Zeit voraus und ist in einer Sprache geschrieben, die Konzentration erfordert. Überliest man einen Satz, will man querlesen, geht der Sinn des Ganzen verloren und man blättert zurück, liest noch einmal.

Ein Zitat als Beispiel: „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörter Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“

Ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich für Geschichte interessieren und Freude an tiefgründiger Literatur, gedanklichen Winkelzügen sowie stellenweise sarkastischem Tonfall haben.

 

 

Montag, 13. April 2020

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“


So lange habe ich nicht mehr über eines der Bücher geschrieben, die ich las. Nun endlich nehme ich mir wieder die Zeit dafür.
Zeit, darum geht es unter anderem in diesem Roman von Pascal Mercier. Bereits seinen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ las ich mit Begeisterung und nun dieses Buch.
Anfangs hatte ich Schwierigkeiten hineinzufinden in den Text. Es geht um einen Mann, den Übersetzer Simon Leyland, dem ein Arzt eine schreckliche Diagnose eröffnet. Noch einige Wochen, vielleicht Monate habe er zu leben. Dann, elf Wochen später: es war ein Irrtum! Er ist gesund. Wie lange ihm nun noch bleibt, weiß er nicht. Nur, dass es vermutlich länger sein wird als eben noch angenommen.
Anfangs fand ich es mühselig, seinen Blick nach innen und in die Vergangenheit mitzuverfolgen. Dann jedoch veränderte sich etwas und ich genoss zunehmend die philosophischen Betrachtungen und Gespräche, die Leyland sowohl im realen Leben, als auch in seinen Briefen führt. Diese Briefe an seine, schon vor langer Zeit verstorbene, Frau erzählen von seinem bisherigen Leben, geben Einblick in das, was ihn jetzt ausmacht und was ihn in der Vergangenheit beschäftigte. 
Zeit ist ein großes Thema in diesem Buch. Wie gehen wir um mit unserer Zeit solange wir meinen, noch viel davon zu haben? Wie oft lassen wir Zeit verstreichen oder verschwenden unsere Zeit? Die Passagen, in denen sich Leyland mit anderen oder mit sich selbst mit diesem Thema auseinandersetzt, haben mich sehr nachdenklich werden lassen und mich angeregt, mir auch meine Zeit anzuschauen. Wie genieße ich meine Zeit? Wie oft vertrödele ich sie einfach nur? Was es bedeutet, seine Zeit zu vertrödeln, zu vergeuden etc., darüber philosophiert auch Leyland zwischenzeitlich mit seiner Tochter.