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Donnerstag, 18. August 2022

Helen Cullen „Der Riss, durch den Licht eindringt“

Ich mag Romane, die in Irland spielen. Sie sind meistens geprägt von der grünen, aber rauen Landschaft, die die Menschen beeinflusst und eine gewisse Melancholie darin mitschwingen lässt.

So auch in diesem Roman. Auf dem rückseitigen Deckel ist die Aussage der Autorin Emma Flint abgedruckt: „… Dieses Buch ist einfach unfassbar schön.“ Dem stimme ich zu, allerdings mit der Einschränkung, dass es aus meiner Sicht auch unglaublich traurig ist.

 

Beschrieben wird die Liebes- und Lebensgeschichte von Maeve und Murtagh Moone, die sich in jungen Jahren kennen- und lieben lernen. Murtagh ist Töpfer und übernimmt eine Töpferei auf der Insel Inis Óg, weshalb beide dorthin übersiedeln. Eine Tochter kündigt sich an, Zwillingsjungen folgen und schließlich ein weiteres Mädchen. Viele Glücksmomente werden geschildert, aber auch die dunklen Stunden, die sicher in vielen Familien kommen und gehen… Aber in dieser Familie haben die dunklen Stunden die Ursache vor allem in der Angsterkrankung von Maeve, der Mutter. 

Angsterkrankungen gehören, glaube ich, zu den Störungen, die am schwersten von Mitmenschen nachvollzogen werden können. Niemand kann sich das wirklich vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Es ist ja von außen nicht sichtbar und selbst wenn die Betroffenen sich nahen Menschen anvertrauen, wie Maeve sich Murtagh anvertraut, sind die Phasen der Starre, in die sie fallen, nur schwer auszuhalten, von den Erkrankten so wenig, wie vom unmittelbaren Umfeld.

 

Dass Maeve irgendwann entscheidet, diesem Leiden ein Ende zu bereiten, belastet die Familie massiv- wie sollte es auch anders sein. Ein Mensch hat entschieden zu gehen. Das allein ist schon kaum zu ertragen. Wie groß ist aber erst der Schmerz, wenn es die über alles geliebte Gefährtin und Mutter der Kinder ist! Ich habe heftig geweint…

 

Doch trotz der Trauer, die ich empfand, ist es doch ein wundervolles Buch, geschrieben in einer poetischen Sprache, die den Leser das Leben der Moones miterleben lässt, ihn mit ihnen lachen, leben und leiden lässt.

 

In einem Jahr fahren Murtagh und seine vier Kinder zu den Großeltern nach Boston, zu Maeves Eltern. Dort gibt es ein Gespräch zwischen Maeves Mutter June und Murtagh, aus dem ich hier zum Abschluss dieses Beitrags kurz zitieren möchte:

 

„ ‚Die Vergangenheit lässt sich mit hätte, wäre, wenn neu schreiben, aber du hast es so gut gemacht, wie du konntest. Genau wie Maeve. Jeder denkt, es sei immer noch Zeit genug, alles besser hinzukriegen.‘ ‚Bis die Zeit mit einem Mal vorbei ist.‘…“

Samstag, 12. September 2020

Benjamin Myers „Offene See“


Es ist die Geschichte eines Jungen, der, sechzehnjährig, unmittelbar nach seinen Prüfungen, aufbricht, um das Meer zu sehen. Er schläft in der Natur, in Scheunen, in Ställen und verdient sich sein Essen durch Gelegenheitsarbeiten. Den Weg legt er zu Fuß zurück.

Eines Tages trifft er so auf Dulcie, eine ältere Dame, die in einem Cottage mitten in einem großen, verwilderten Garten lebt. Das Meer ist nah, Robert hat also sein Ziel erreicht. Dennoch will er eigentlich weiterziehen.

Aber irgendetwas hält ihn dort auf dem Hügel mit Blick aufs Meer. Dulcie scheint ihn irgendwie zu mögen, wenn auch auf eine zeitweise etwas harsche Art. So bleibt er noch einen und noch einen Tag und schließlich den ganzen Sommer. 

Freitag, 24. Juli 2020

Lena Johannson „Die Malerin des Nordlichts“


Ein Roman über eine starke Frau, Signe Munch Siebke, die heute kaum bekannt ist, da ihre Bilder während der Besatzung Norwegens durch die deutschen Truppen fast vollständig verloren gingen.

Natürlich erfährt man auch etwas über Edvard Munch, den berühmten Onkel Signes. Sie hat eine nahe Beziehung zu ihm, wehrt sich aber stets dagegen, auf die Verwandtschaft mit ihm reduziert zu werden. Sie sucht ihren eigenen Weg in der Malerei und findet ihn auch- so jedenfalls wird es im Buch beschrieben.

Signe heiratet, weil ihr Vater das von ihr erwartet. Diese Ehe ist für sie jedoch wie ein Korsett, das ihr die Luft zum Atmen nimmt. Sie verspürt den Drang zu malen, was ihr Mann aber nicht goutiert. Also entschließt sie sich, die Scheidung einzureichen, was in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Signe steht danach für sich, studiert Kunst und bestreitet ihren Unterhalt durch Schreibarbeiten sowie das Engagement für den Verein junger Künstler. Durch ein Stipendium kann sie Erfahrungen in Kopenhagen sammeln.

Mit ihrem zweiten Mann Einar Siebke engagiert sie sich im Widerstand. 

Der Leser erfährt viel über das Malen allgemein, über Farben und Atmosphäre, Technik und Licht, aber auch über die Künstler- Bohème in Kristiania, das erst ab 1924 wieder Oslo genannt wird sowie über den Widerstand gegen die deutsche Besatzung.

Aus meiner Sicht ein lesenswertes Buch.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“ und „Die langen Abende“

Bei einem meiner Streifzüge durch die Buchhandlung fand ich den Roman „Die langen Abende“ von Elizabeth Strout. Auf dem Buchrücken stand, dass es in diesem Buch ein Wiedersehen mit Olive Kitteridge gäbe. Das sagte mir nichts, obwohl ich doch schon einige Bücher der Autorin gelesen hatte. Also beschloss ich, zunächst das Buch „Mit Blick aufs Meer“ zu lesen, in dem jene Olive die Heldin war und für das Elizabeth Strout 2009 den Pulitzerpreis erhielt.

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass ein Buch gut ist, nur weil es einen Preis erhielt. Aber da mir die Schreibweise der Autorin gefiel und ich eine Reihe gern von vorn beginne, las ich also zuerst „Mit Blick aufs Meer“ und dann die Fortsetzung „Die langen Abende“.

Elizabeth Strout beschreibt das Leben in einem kleinen fiktiven Ort an der Küste von Maine. Sie beobachtet genau und wertet nie. Das führt dazu, dass sich der Leser so fühlt, als wäre er selbst dort und würde sehen, was vor sich geht. Irgendwann stellt man fest: Das ist, was man auch in seiner eigenen unmittelbaren Umgebung beobachten kann. Angeregt durch die Lektüre, schaut man genauer hin, sieht plötzlich bei sich selbst oder den Nachbarn Dinge, die sonst eher vorbeirauschen, nicht auffallen oder verdrängt werden.

Die einzelnen Kapitel (in beiden Büchern) scheinen manchmal ohne Zusammenhang zu sein, da immer wieder von anderen „Häusern“ (im Sinne von Familien/ Schicksalen) erzählt wird. Häufig dachte ich an den Spruch einer meiner Großmütter: „Unter jedem Dach ein Ach!“ Nein, lustig ist das selten. Auch nicht so, dass man es erstrebenswert fände. Und doch ist es eben das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, die es für jeden Menschen hat. 

Die Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen Leben stellt immer wieder Olive Kitteridge dar. Sie taucht mal intensiver, mal nur kurz in jeder der Geschichten auf. Auf diese Weise wird im Grunde das Leben der Olive Kitteridge erzählt. Man begleitet sie von der Zeit als junge Mutter über die mittleren Jahre (im ersten Buch) bis ins hohe Alter (im zweiten Buch).

Montag, 13. April 2020

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“


So lange habe ich nicht mehr über eines der Bücher geschrieben, die ich las. Nun endlich nehme ich mir wieder die Zeit dafür.
Zeit, darum geht es unter anderem in diesem Roman von Pascal Mercier. Bereits seinen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ las ich mit Begeisterung und nun dieses Buch.
Anfangs hatte ich Schwierigkeiten hineinzufinden in den Text. Es geht um einen Mann, den Übersetzer Simon Leyland, dem ein Arzt eine schreckliche Diagnose eröffnet. Noch einige Wochen, vielleicht Monate habe er zu leben. Dann, elf Wochen später: es war ein Irrtum! Er ist gesund. Wie lange ihm nun noch bleibt, weiß er nicht. Nur, dass es vermutlich länger sein wird als eben noch angenommen.
Anfangs fand ich es mühselig, seinen Blick nach innen und in die Vergangenheit mitzuverfolgen. Dann jedoch veränderte sich etwas und ich genoss zunehmend die philosophischen Betrachtungen und Gespräche, die Leyland sowohl im realen Leben, als auch in seinen Briefen führt. Diese Briefe an seine, schon vor langer Zeit verstorbene, Frau erzählen von seinem bisherigen Leben, geben Einblick in das, was ihn jetzt ausmacht und was ihn in der Vergangenheit beschäftigte. 
Zeit ist ein großes Thema in diesem Buch. Wie gehen wir um mit unserer Zeit solange wir meinen, noch viel davon zu haben? Wie oft lassen wir Zeit verstreichen oder verschwenden unsere Zeit? Die Passagen, in denen sich Leyland mit anderen oder mit sich selbst mit diesem Thema auseinandersetzt, haben mich sehr nachdenklich werden lassen und mich angeregt, mir auch meine Zeit anzuschauen. Wie genieße ich meine Zeit? Wie oft vertrödele ich sie einfach nur? Was es bedeutet, seine Zeit zu vertrödeln, zu vergeuden etc., darüber philosophiert auch Leyland zwischenzeitlich mit seiner Tochter.

Mittwoch, 10. Juli 2019

Felicity H. McCoy „Die Bücherei am Ende der Welt“

Irland, ein altes Cottage, ein kleiner Ort, eine weitläufige Gegend- das Ende der Welt eben.
Eine Frau, die nach ihrer Scheidung mit ihrer Tochter aus London ins heimatliche Irland und sogar ins Haus ihrer Eltern zurückkehrt. Die Geschichte beginnt, als die Tochter schon aus dem Haus ist, während die Mutter weiterhin im Haus ihrer Mutter lebt. Sie arbeitet in der Bibliothek einer Kleinstadt. Eine abgeschlossene Ausbildung hat sie nicht, da sie früh geheiratet hat, für Ehe, Hausbau und Mutterschaft sowie die Karriere ihres Mannes ihre eigenen Berufswünsche aufgab. Als sie die Untreue ihres Mannes entdeckt, ist die Tochter ein Teenager und für sie scheinbar alles zu spät. Sie ist froh über die Stelle als Bibliothekarin, auch wenn sie grundsätzlich mit ihrem Leben hadert und das auch ausstrahlt. 
Sie hatte bei der Scheidung von ihrem Mann auf alles verzichtet. Bloß weg! Einen Schlussstrich ziehen! Nun, genervt vom Zusammenleben mit ihrer Mutter, erinnert sie sich daran, dass eine Tante ihr ein kleines Cottage vererbt hatte. Sie beschließt, ihren Ex- Mann um finanzielle Unterstützung zu bitten, um das Haus bewohnbar zu machen. 
Soweit der Ausgangspunkt. Dann geschieht, was in ländlichen Gegenden so typisch ist. Geld geht dahin, wo schon viel Geld ist. Die Regionalverwaltung stellt ein Konzept vor, wie das Geld eingesetzt werden soll. Zum Schein sollen die Bürger einbezogen werden. Doch im Grunde würde das Geld nicht der Gegend, sondern nur zwei Städten zugutekommen. Und eigentlich ist sowieso schon alles entschieden. Hanna ist zunächst unbeteiligt, aber durch ihren jungen Mitarbeiter und die Erkenntnis, dass sie sich endlich mal zur Wehr setzen muss, sich nicht immer treiben lassen und von anderen an der Nase herumführen lassen sollte, beginnt sie, sich zu engagieren.
Letztlich zeigt diese Geschichte, dass man doch viel tun kann, wenn man sich engagiert, wenn man die Leute um sich herum aktiviert, motiviert und aufzeigt, was möglich ist. Die Gemeinschaft ist nicht einfach, aber sie kann, wenn man Ideale hat, wenn man Zuversicht entwickelt und sich einbringt, ganz viel Positives bewirken und enorme Kräfte entfalten. 
Dies ist ein Buch, das zeigt, wie man auch in den ländlichen Gegenden, in denen so wenig Zuversicht herrscht, so viel bewegen kann und wie man aus einer solchen Aktivität auch viel für sein eignes Wohlbefinden gewinnen kann.

Sonntag, 4. November 2018

Deborah Feldmann „unorthodox“ und „Überbitten“

Ich hatte das Buch „unorthodox“ schon lange auf meiner Leseliste. Ich weiß nicht, warum ich es so lange aufschob, es zu kaufen und zu lesen. Die jüdische Kultur hat mich von jeher wie so vieles interessiert. Nur hatte ich keinen Kontakt damit. Im Osten Deutschlands, wo ich aufwuchs, stilisierte sich die Gesellschaft als antifaschistisch. Über die Juden wurde nur gesprochen, wenn man die Nazis anprangerte, und das geschah beinahe täglich. Aber über die jüdische Kultur erfuhr man nichts. Es wurde nur, und das gefühlt täglich, in der Schule hervorgehoben, was die Nazis den Juden Schreckliches angetan haben. Wie viele Opfer, welche Grausamkeiten, diese en Detail. Bereits in der Grundschule, in der ersten Klasse wurden wir in das ehemalige KZ Sachsenhausen geführt. Die Verbrennungsöfen, die Erschießungsanlage und die Lampe mit dem Schirm aus Menschenhaut haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. 
Über die jüdische Kultur erfuhr ich erst viel später, auf meiner Reise nach Israel 2013 und aus verschiedenen Büchern, wie nun auch aus diesem von Deborah Feldmann. 
Sie beschreibt, welche Folgen der Holocaust speziell für ihre Familie hatte und welche Auswirkungen damit auf ihr eigenes Leben. Ihre Großeltern hatten die Schreckenszeit überlebt. Deborah wächst bei Ihnen auf. Sie verbringt ihre Kindheit in einer nahezu abgeschlossenen Welt, einem Viertel Brooklyns, in dem überwiegend orthodoxe Juden wohnen. Die Gemeinschaft ist der Meinung, sie müsse sich extrem an die Gesetze der Thora halten. Denn, so sagen sie, weil die Juden zu weltlich wurden, weil sie sich zu sehr an die modernen Gesellschaften, in denen sie lebten, anpassten, sandte ihnen Gott den Holocaust. Um so etwas für immer zu verhindern, leben sie nun in einer orthodoxen Gemeinschaft, in der das „Gesetz“ über allem steht. Verboten, verboten, verboten! Das ist der Alltag von Deborah Feldmann.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Jung Chan "Wilde Schwäne"

Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie im China des 20. Jahrhunderts. Im Besonderen geht es um drei Frauen, Großmutter, Mutter und Tochter. Die Tochter erhält 1978 ein Stipendium für ein Studium in England. Erst dort und auch erst nachdem klar ist, dass sie in England bleibt, dass ihre Ängste, man würde sie betäuben und in einem Jutesack zurück nach China schaffen, unbegründet sind, als sie ihre große Liebe findet und nachdem ihre Mutter ihr bei einem Besuch 1988 wochenlang Geschichten erzählt und noch 60 Stunden Geschichten auf Kassetten hinterließ, erst da beginnt sie, Jung Chan, die Lebensgeschichten ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihre eigene aufzuschreiben.

Freitag, 21. April 2017

Christine Brückner „Jauche und Levkojen“, „Nirgendwo ist Poenichen“ und „Die Quints“

Die Poenichen- Trilogie werden die drei Bände auch genannt. Sie erzählen vom Leben der Maximiliane von Quindt, die 1918 auf Gut Poenichen in Hinterpommern geboren wird und bei ihren Großeltern aufwächst. Der Vater fiel in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges, die Mutter liebte das Berliner Leben viel zu sehr, war auch noch zu jung und konnte weder dem Leben mit Kind, noch dem Leben auf dem Land irgendetwas abgewinnen.
Maximiliane läuft am liebsten barfuß, auch wenn sie zu einem Fräulein erzogen werden soll. Sie heiratet 1937 einen Quint ohne „d“ und ohne Adelstitel. Der Großvater sagt trocken: „Dieser junge Quint ohne d ist ein Mann mit Idealen und Grundsätzen. Es ist nur die Frage, ob es die richtigen sind. Aber jemand, der von einer falschen Sache überzeugt ist, ist mir lieber, als einer, der von gar nichts überzeugt ist.“ Viktor Quint ist überzeugter Nationalsozialist und der alte Quindt sorgt sich um den Fortbestand des Gutes.

Sonntag, 12. Juni 2016

Bernhard Schlink „Die Frau auf der Treppe“

Ich hörte von diesem Roman im Radio. Eine Buchbesprechung. Ich hatte schon einige Bücher von Bernhard Schlink gelesen, wenn auch bei weitem nicht alle. Was ich las, gefiel mir. Es ist diese nachdenkliche Art des Schreibens, die mir gefällt, dieses Lauschen nach dem, was klingt, was sich regt, wenn man sich erinnert oder/ und wenn man Menschen aus seiner Vergangenheit in der Gegenwart wieder begegnet.
In diesem Buch geht es zunächst um ein Gemälde. Eine Frau, die nackt eine Treppe herunter steigt. Hin zum Betrachter. Der Protagonist entdeckt das Bild nach vielen Jahren zufällig in einer Galerie. Er befindet sich auf Geschäftsreise in Australien. Das Bild und alles, was damit zusammenhing in den Anfangsjahren seiner Tätigkeit als Anwalt, hatte er aus seinem Bewusstsein verbannt. 

Montag, 16. Mai 2016

Raquel J. Palacio „Wunder“

Wie lebt man mit einem Gendefekt, der dazu führte, dass von Geburt an das eigene Gesicht von allem abweicht, das die menschliche Gesellschaft gewohnt ist? Und wie gehen die Menschen der unmittelbaren Umgebung, Familie, Schule, Nachbarn, Freunde… damit um?
Dem geht Raquel J. Palacio in ihrem Buch „Wunder“ auf den Grund. Ein Junge mit eben diesem Problem soll, nach Jahren des Hausunterrichts, nun endlich zur Schule gehen. In die Welt hinaus, auch wenn die Eltern wissen, dass es hart werden wird. Für alle. Aber insbesondere für den Jungen.

Sonntag, 3. April 2016

Christopher Morley „Das Haus der vergessenen Bücher“

Die Fortsetzung des Romans „Eine Buchhandlung auf Reisen“ erzählt natürlich auch von Büchern und von der Liebe zur Literatur. Auch hier begegnen sich zwei Menschen, die einander mehr und mehr bedeuten. Der Parnassus, die fahrende Buchhandlung ist sesshaft geworden und zwar in Brooklyn, New York. Das Ganze ist dieses Mal mit einer Spionagegeschichte verwoben. Diese entwickelt gegen Ende des Romans einige Spannung, aber irgendwie wirkte alles aus meiner Sicht eher harmlos. Ja, es geschieht viel, ja, es ist spannend. Aber ich hatte als Leser nie den geringsten Zweifel, dass am Ende alles gut wird. Ich bangte nicht um die Figuren… das muss ja auch nicht sein… und ja, es ist auch lange nicht klar, was da eigentlich passiert, was z.B. das Verschwinden eines Buches zu bedeuten hat. 
Dieser Roman ist also durchaus in die Kategorie „Krimi“ einzuordnen. Aber jemandem, der gern Krimis liest, würde ich dieses Buch sicher nicht empfehlen… Warum nicht? Ich habe lange darüber nachgedacht und finde kein anders Wort dafür als „naiv“. Die Geschichte wirkt naiv. Vielleicht liegt es an der Art, wie Morley erzählt… Jedenfalls ist auch dieses Buch, wie schon "Eine Buchhandlung auf Reisen", aus meiner Sicht eher eine Empfehlung für Menschen, die Bücher lieben, die Anregungen für Lektüre suchen (die findet man am Anfang sehr reichlich- nur wann das alles lesen? ;)) und die sich gern in das Brooklyn der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts tragen lassen.

Harry Mulisch „Das Attentat“

Bereits 1982 erschien dieser Roman in den Niederlanden, 1986 dann in deutscher Sprache. Also wird der Eine oder Andere ihn bereits kennen. Ich bekam ihn wieder von meiner lieben, niederländischen Kollegin, die mir auch schon „Die Entdeckung des Himmels“ vom selben Autor schenkte. 
„Das Attentat“ ist ein vergleichsweise kurzer Roman, leichter zu lesen, weil der Autor nicht ganz so viele Querverbindungen in alle möglichen Richtungen zieht, wie in jenem anderen Buch, über das ich auch schon hier schrieb.
In „Das Attentat“ wird die Lebensgeschichte eines Menschen erzählt, der als kleiner Junge miterlebt, wie sein Elternhaus von den deutschen Besatzern abgebrannt wird. In einem Moment sitzt die Familie noch um den Tisch und spielt ein Würfelspiel und im nächsten steht das Haus in Flammen und seine Eltern und sein Bruder sind verschwunden. Er weint nicht. Er ist ganz still. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass er in dieser Stille, sein Leben lang verharrt.

Mittwoch, 30. März 2016

Judith Herrmann „Aller Liebe Anfang“

„Draußen vor der Küche zieht ein Arbeiter entschuldigend eine Plane aus Plastik vor das Fenster, er schaut in die Küche hinein wie in ein Aquarium, befremdet, interessiert zugleich. Das Haus, das Dermot und Julia nicht gehört ist alt, und es wird saniert und dann verkauft. Sie haben eine Frist bekommen, aber sie werden ausziehen müssen. Wenn es so weit ist, wird Dermot vielleicht schon alleine sein. Er wird die Dinge ihres gemeinsamen Lebens einpacken müssen, Bücher und Noten, vor allem Bücher und Noten, aber auch jede Menge Bilder, Zeichnungen, Fotos in Rahmen….“
Es sind Sätze wie diese, die mich immer wieder ein neues Buch von Judith Herrmann kaufen lassen. Sie beschreibt detailgenau, scheinbar emotionslos. Beschreibt eben. Berichtet von Leben. Aber genau diese, manchmal distanziert erscheinende Schreibart, fasziniert mich. Sie lässt mir Raum, eigene Emotionen zuzulassen, mich mit den Widersprüchen, die in mir aufsteigen, auseinanderzusetzen. Als Leserin bin ich ebenso Beobachterin, wie die Autorin es zu sein scheint. Sie lässt mir Freiheit beim Lesen. So scheint es mir jedenfalls.

Mittwoch, 23. März 2016

Jojo Mojes „ Ein ganz neues Leben“

Ein ganz neues Leben hat sich Will für Louisa erhofft. Dafür hat er sie mit finanziellen Mitteln ausgestattet und ihr einen Brief hinterlassen. Das war bereits am Ende des ersten Buches klar. Dieses Buch nun erzählt, was Louisa daraus macht. Und das ist zunächst mal nicht viel. Sie taumelt durch ihr Leben ohne Will. Sie findet keine Linie, kein Ziel. Sie schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. Und dann stürzt sie ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie fällt von der Dachkante… und hat Glück im Unglück- sie überlebt diesen Sturz.

Samstag, 20. Februar 2016

Judith W. Taschler „ Die Deutschlehrerin“

Es beginnt mit einem E- Mail- Wechsel. Ein Projekt „Schüler/in trifft Autor/in“ führt dazu, dass sich zwei Menschen wiederbegegnen, die sich vor langer Zeit einmal liebten, ein Paar waren.  Ihre Beziehung endete sechzehn Jahre zuvor abrupt. Jedenfalls empfindet Mathilda es so. Xaver macht sich aus dem Staub. Hat eine andere Frau, die ein Kind erwartet. Er heiratet sie sehr schnell. Er meint, dass das Ende ja schon absehbar war.
Das, was Judith Taschler daraus in ihrem Buch macht, ist psychologisch aufgeladen. Schnell merkt man, dass es da etwas Dramatisches gibt. Ein Kind ist verschwunden. Xavers Kind oder zumindest das, das seine Frau zur Welt bringt. Vieles in diesem Roman bleibt lange in der Schwebe und wird erst ganz am Ende gelöst. Nicht alles, aber doch vieles.
Es ist dieses stückchenweise Erkennen, nach und nach. Zwischendurch Zweifel und begreifen, dass es doch nicht so sein kann. Am Ende dann noch ein Schock.

Zweihundertdreiundzwanzig Seiten Spannung, Eintauchen in die Vergangenheit eines Paares, existenzielle Fragen, die den Leser unter Umständen erschüttern können. Wie hätte ich mich verhalten? Was hätte die beiden retten können? An welcher Stelle hätte sich wer anders verhalten müssen, um das Leben anders verlaufen zu lassen? Fragen, die sich jeder sicher immer mal stellt. Fragen, auf die dieses Buch den Leser wirft.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Abbas Khider „Die Orangen des Präsidenten“

„Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch „Glückstränen“.“ So beginnt dieses Buch von Abbas Khider. Sein erstes. Er beschreibt darin das Leben eines jungen Mannes im Irak. Mahdi Muhsin wird am Tag seiner Abiturprüfung vom irakischen Geheimdienst verhaftet. Zwei Jahre verbringt er im Gefängnis, abgeschnitten von allem Leben unter schrecklichsten Bedingungen. Khider beschreibt diese Zeit so eindrücklich, dass ich froh war, dass er die Gefängnis- Kapitel abwechselte mit jenen, in denen er den Lebensweg des Jungen bis zum Zeitpunkt der Verhaftung erzählt, von seiner Kindheit, seiner Freundschaft zu einem Taubenzüchter, der seine Liebe zu den Tauben weckt… Der Junge hat es nicht leicht gehabt und nun wird er grundlos verhaftet und es werden ihm zwei Jahre seines jungen Lebens nicht nur gestohlen, sondern zur Hölle gemacht.

Donnerstag, 5. November 2015

Rolf Lappert „Über den Winter“

Was will der Autor mir mit seinem Text sagen? Diese Frage stellte ich mir beim Lesen dieses Buches immer wieder. Ich gab die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann heller werden würde, der Frühling käme, sozusagen. Nicht nur in der Natur, sondern auch im Leben des fast fünfzigjährigen Protagonisten Lennard Salm. Aber kann noch Frühling kommen im Herbst des Lebens? Oder geht es nur noch abwärts und hat alles eh keinen Sinn mehr?  
Salm, wie Lennard Salm meistens nur kurz heißt, hatte wohl eine Mutter, die unfähig war, ihren Kindern Wärme und Liebe zu geben. Die „nordische Königin“ nennt er sie. Der Vater war auch ein Opfer ungünstiger Lebensumstände, aber für ihn empfindet der Sohn liebevolle Zuneigung. Aus meiner Sicht der einzige, flackernde Lichtstreif. Der Vater wird beschrieben als einer, der selbst immer freundlich und verständnisvoll war. Der Sohn erlangt mit provokativer Kunst Berühmtheit, lebt eine Zeit lang in New York…
Der Leser lernt ihn jedoch erst kennen, als er in einer tiefen Sinnkrise steckt. Winter außen wie innen. 

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Christopher Morley „Eine Buchhandlung auf Reisen“

Ich kaufte dieses Buch, weil ich selbst so gerne lese und mich also alles, was mit der Leidenschaft für Bücher zusammenhängt, magisch anzieht. Außerdem hatte mich der Roman „Das Lavendelzimmer“ von Nina George, in dem  eine „Literarische Apotheke“, eine ganz besondere Buchhandlung auf einem ehemaligen Lastkahn, eine große Rolle spielt, sehr beeindruckt und ich dachte, dass es mir mit diesem Buch ebenso gehen könnte.
Dem war nicht ganz so. Aber es ist ein durchaus unterhaltsame und anregende Geschichte… Einige der Bücher, auf die im Text Bezug genommen wird, werde ich sicher noch lesen.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Cristina Caboni „Die Rosenfrauen“

Den Titel fand ich etwas verwirrend, denn es geht zwar auch um Rosen, aber aus meiner Sicht nur am Rande. In der Hauptsache geht es um Parfüm.
Eine junge Florentinerin sieht sich zu Beginn des Buches vor den Scherben einer Liebesbeziehung. Dieser Bruch in ihrem Leben führt sie jedoch zurück zu dem, was sie besonders gut kann. Eine „Nase“ wird sie genannt, denn sie kann die einzelnen Duftstoffe, aus denen ein Parfüm kreiert wurde, identifizieren. Ich kann mir das kaum vorstellen. Wenn ich an den geöffneten Türen einer großen Parfumerie vorbei gehe, habe ich das Gefühl, gar nichts mehr zu riechen, als diesen durchdringenden süßen, schweren Duft. Ich glaube manchmal sogar ihn auf der Zunge zu spüren!
Genau das wird in diesem Buch auch kritisiert, dass Kunden sich gar nicht wirklich für ein Parfüm entscheiden können, weil ihre Geruchsnerven schon benebelt sind, wenn sie eine große Parfumerie betreten. Die meisten kaufen dann irgendeine gängige oder angepriesene Marke, die manchmal nicht einmal zu ihnen passt.