„Draußen
vor der Küche zieht ein Arbeiter entschuldigend eine Plane aus Plastik vor das
Fenster, er schaut in die Küche hinein wie in ein Aquarium, befremdet,
interessiert zugleich. Das Haus, das Dermot und Julia nicht gehört ist alt, und es
wird saniert und dann verkauft. Sie haben eine Frist bekommen, aber sie werden
ausziehen müssen. Wenn es so weit ist, wird Dermot vielleicht schon alleine
sein. Er wird die Dinge ihres gemeinsamen Lebens einpacken müssen, Bücher und
Noten, vor allem Bücher und Noten, aber auch jede Menge Bilder, Zeichnungen,
Fotos in Rahmen….“
Es
sind Sätze wie diese, die mich immer wieder ein neues Buch von Judith Herrmann
kaufen lassen. Sie beschreibt detailgenau, scheinbar emotionslos. Beschreibt
eben. Berichtet von Leben. Aber genau diese, manchmal distanziert erscheinende
Schreibart, fasziniert mich. Sie lässt mir Raum, eigene Emotionen zuzulassen,
mich mit den Widersprüchen, die in mir aufsteigen, auseinanderzusetzen. Als
Leserin bin ich ebenso Beobachterin, wie die Autorin es zu sein scheint. Sie
lässt mir Freiheit beim Lesen. So scheint es mir jedenfalls.
Der
Titel des Buches irritiert mich allerdings auch jetzt noch, einige Tage nachdem ich das
Buch ausgelesen habe. Er scheint mir so gar nicht zum Thema zu passen.
Andererseits ist es eine interessante Herangehensweise, sich zu fragen, ob am
Anfang des Stalkings die Liebe steht, ob sie der Auslöser für diese krankhafte
Art der Verfolgung einer Person ist. Was ist die Liebe denn? Gegenseitige Faszination,
würde ich meinen. Und genau das fehlt ja beim Stalking: die Gegenseitigkeit.
Insofern
verstehe ich die Wahl des Titels nicht, da er potenzielle Leser in die Irre
führt, ihnen vorenthält, welch durchaus spannungsgeladene Geschichte sich in
dem Büchlein verbirgt, die aber aus meiner Sicht nur sehr wenig von „Aller
Liebe Anfang“ erzählt.
Dennoch
ist es ein Buch, das lesenswert ist, wenn man gern lesend andere Menschen
durch ihr Leben begleitet. Das Leben von Stella, der Hauptfigur wird erzählt,
als spazierte man mit einer Freundin an einem See, es wird nach und nach
dämmerig und die Freundin berichtet von einer Frau, die in einem kleinen Ort
als Altenpflegerin arbeitet, davon, wie sie ihren Mann kennen lernte, wie sie
mit ihrem Kind lebt, wie der Mann am Wochenende nach Haus kommt, von ihrer Arbeit
mit den Alten… und was ihr widerfährt in diesem Ort, was es in ihr auslöst…
und
schließlich sitzt man mit der Freundin im Bootshaus, sieht den Mond glutrot
über dem See aufgehen und philosophiert mit ihr über die Liebe, die zu Männern,
zu Kindern, zu anderen Menschen… und stellt fest, wie viele Facetten von
Gefühlen sich hinter diesem einen Wort verbergen.
Wer durch
dieses Buch von Judith Herrmanns Schreibart infiziert wurde, dem seien ihre
frühen Erzählbände „Sommerhaus später“ und „Nichts als Gespenster“ empfohlen.
Etwas
anstrengend fand ich persönlich das Buch „Alice“, in dem sich die Autorin mit
dem Thema „Tod“ auseinandersetzt. Fünf Geschichten, alle mit dem Namen eines
Mannes überschrieben, eines Mannes, der stirbt. Eines Mannes aber auch, zu dem
die Hauptfigur, Alice, Zuneigung empfand. Nach der dritten Geschichte dachte ich
nur noch: Was habe ich für ein Glück, dass die Menschen, die ich liebe, alle
noch da sind! Aber auch dieses Buch ist wunderbar geschrieben, nur besteht die
Gefahr von Melancholie, wenn man es liest, was ja nicht unbedingt schlecht sein
muss.
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