Mittwoch, 30. März 2016

Judith Herrmann „Aller Liebe Anfang“

„Draußen vor der Küche zieht ein Arbeiter entschuldigend eine Plane aus Plastik vor das Fenster, er schaut in die Küche hinein wie in ein Aquarium, befremdet, interessiert zugleich. Das Haus, das Dermot und Julia nicht gehört ist alt, und es wird saniert und dann verkauft. Sie haben eine Frist bekommen, aber sie werden ausziehen müssen. Wenn es so weit ist, wird Dermot vielleicht schon alleine sein. Er wird die Dinge ihres gemeinsamen Lebens einpacken müssen, Bücher und Noten, vor allem Bücher und Noten, aber auch jede Menge Bilder, Zeichnungen, Fotos in Rahmen….“
Es sind Sätze wie diese, die mich immer wieder ein neues Buch von Judith Herrmann kaufen lassen. Sie beschreibt detailgenau, scheinbar emotionslos. Beschreibt eben. Berichtet von Leben. Aber genau diese, manchmal distanziert erscheinende Schreibart, fasziniert mich. Sie lässt mir Raum, eigene Emotionen zuzulassen, mich mit den Widersprüchen, die in mir aufsteigen, auseinanderzusetzen. Als Leserin bin ich ebenso Beobachterin, wie die Autorin es zu sein scheint. Sie lässt mir Freiheit beim Lesen. So scheint es mir jedenfalls.

Der Titel des Buches irritiert mich allerdings auch jetzt noch, einige Tage nachdem ich das Buch ausgelesen habe. Er scheint mir so gar nicht zum Thema zu passen. Andererseits ist es eine interessante Herangehensweise, sich zu fragen, ob am Anfang des Stalkings die Liebe steht, ob sie der Auslöser für diese krankhafte Art der Verfolgung einer Person ist. Was ist die Liebe denn? Gegenseitige Faszination, würde ich meinen. Und genau das fehlt ja beim Stalking: die Gegenseitigkeit.
Insofern verstehe ich die Wahl des Titels nicht, da er potenzielle Leser in die Irre führt, ihnen vorenthält, welch durchaus spannungsgeladene Geschichte sich in dem Büchlein verbirgt, die aber aus meiner Sicht nur sehr wenig von „Aller Liebe Anfang“ erzählt.

Dennoch ist es ein Buch, das lesenswert ist, wenn man gern lesend andere Menschen durch ihr Leben begleitet. Das Leben von Stella, der Hauptfigur wird erzählt, als spazierte man mit einer Freundin an einem See, es wird nach und nach dämmerig und die Freundin berichtet von einer Frau, die in einem kleinen Ort als Altenpflegerin arbeitet, davon, wie sie ihren Mann kennen lernte, wie sie mit ihrem Kind lebt, wie der Mann am Wochenende nach Haus kommt, von ihrer Arbeit mit den Alten… und was ihr widerfährt in diesem Ort, was es in ihr auslöst… 
und schließlich sitzt man mit der Freundin im Bootshaus, sieht den Mond glutrot über dem See aufgehen und philosophiert mit ihr über die Liebe, die zu Männern, zu Kindern, zu anderen Menschen… und stellt fest, wie viele Facetten von Gefühlen sich hinter diesem einen Wort verbergen.

Wer durch dieses Buch von Judith Herrmanns Schreibart infiziert wurde, dem seien ihre frühen Erzählbände „Sommerhaus später“ und „Nichts als Gespenster“ empfohlen.

Etwas anstrengend fand ich persönlich das Buch „Alice“, in dem sich die Autorin mit dem Thema „Tod“ auseinandersetzt. Fünf Geschichten, alle mit dem Namen eines Mannes überschrieben, eines Mannes, der stirbt. Eines Mannes aber auch, zu dem die Hauptfigur, Alice, Zuneigung empfand. Nach der dritten Geschichte dachte ich nur noch: Was habe ich für ein Glück, dass die Menschen, die ich liebe, alle noch da sind! Aber auch dieses Buch ist wunderbar geschrieben, nur besteht die Gefahr von Melancholie, wenn man es liest, was ja nicht unbedingt schlecht sein muss.



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