Posts mit dem Label Familien- und Zeitgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Familien- und Zeitgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 16. Juli 2022

Susanne Abel „Stay away from Gretchen” und „Was ich nie gesagt habe- Gretchens Schicksalsfamilie“

Heute schreibe ich wieder über zwei Bücher. Wieder wusste ich nicht, als ich 2021 das erste Buch las, dass es eine Fortsetzung geben würde, auch wenn diese am Ende irgendwie angelegt war…

Jedenfalls sind beide Bücher sehr lesenswert und entsprechen meinem Interesse an der Verbindung von Gegenwart und Geschichte in einem Roman.

 

In “Stay away from Gretchen“ geht es um Tom Monderath, einen erfolgreichen Fernsehmoderator, einigermaßen arrogant und nicht besonders sympathisch, der sich plötzlich mit der Alzheimer- Erkrankung seiner Mutter konfrontiert sieht. Durch diese Erkrankung macht sie Äußerungen, die ihn aufhorchen lassen und nach und nach kommt er zu der Erkenntnis, dass er eine Halbschwester hat, von der seine Mutter niemals sprach. In Rückblenden wird von der Flucht der Mutter am Ende des zweiten Weltkrieges erzählt, von ihrer Verbundenheit mit dem Großvater, mit dem sie floh, von der Zeit der Not, des Schwarzmarktes, des immer gerade- so- Überlebens. Und von Gretchens erster und einziger großer Liebe zu einem amerikanischen GI. Susanne Abel erzählt so, dass ich immer weiterlesen wollte, ich lachte, fieberte und litt mit den Protagonisten und mir wurde wieder bewusst, in welcher unglaublichen Freiheit wir leben. Welche Entscheidungen wir treffen dürfen, die damals jungen Frauen nicht möglich waren. 

Im Laufe der Recherche nach seiner Halbschwester, verändert sich Tom Monderath. Er wird sympathischer und man versteht immer mehr, wie sehr seine Arroganz auch ein Schutzpanzer war, den er sich zulegte, um das Leid seiner Mutter, die an Depressionen litt, nicht zu sehr spüren zu müssen. Gegen Ende des Romans gibt er über eine Internetseite eine DNA- Analyse in Auftrag, um feststellen zu können, ob die Person, die er fand, tatsächlich seine Halbschwester ist. Im Ergebnis erhält er zwei weitere Übereinstimmungen zu anderen, männlichen, Personen, die er aber zunächst ignoriert.

 

Und damit beginnt dann das zweite Buch. Einer der Männer, Henk aus den Niederlanden, mit denen es laut DNA- Analyse Übereinstimmungen gab, hat sich bei Tom gemeldet und möchte ihn gern treffen. In diesem Fall besteht die Übereinstimmung mit dem Vater von Tom. Im Laufe dieses zweiten Romans lernen die beiden sich kennen und staunen über die Gemeinsamkeiten, die sie haben, obwohl sie „nur“ die Gene gemeinsam haben. Sie haben nichts voneinander gewusst, sind sich zuvor nie begegnet, hatten keinerlei Umgang mit Personen, die sie beide kannten und doch verhalten sich Henk und Tom in manchen Situationen genauso wie der andere. 

In diesem zweiten Roman wird in Rückblenden das Leben des Vaters von Tom erzählt. Auch hier wird das Drama des zweiten Weltkrieges und des verbrecherischen Systems, das ihn angezettelt hat, sehr deutlich beschrieben. Wie es in jede Familie hineinwirkte, welche tiefen Verletzungen es hinterließ und welche Auswirkungen das Schweigen über die Ursachen der immer noch sichtbaren Narben auf die nachfolgenden Generationen hat…

Es geht aber auch um die Anfänge der künstlichen Befruchtung und um das Gegenteil- die Verhütung von Schwangerschaften. Da die Forschung dazu in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte besonders vorangetrieben und unmenschliche Methoden angewandt wurden, lassen die Rückblenden, in denen das Leben des Vaters von Tom erzählt wird, Einblicke in jene Zeit zu, an die sich so manch einer nach wie vor nicht erinnern will. 

Susanne Abel stellt diesem Roman wohl darum auch ein Zitat voran:

 

„Es gibt keine Geheimnisse, die die Zeit nicht irgendwann offenbart.“

(Jean Racine, Britannicus, 1669)

 

Und sie schreibt im Nachwort: „Über das Wesentliche nicht reden zu können aus Angst, das Gesagte würde das brüchige Fundament ins Wanken bringen, zieht sich durch beide Zeitebenen meines Romans. Die zerstörerische Sprengkraft des Schweigens ist mir bestens vertraut. Doch ich weiß: Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg. So oder so!“

 

Es gibt wohl kaum eine Familie, in der es nicht irgendein Geheimnis gibt. Sicher haben nicht alle diese Geheimnisse diese Dimension, wie in den beiden Gretchen- Romanen von Susanne Abel, aber sie wirken… kurioserweise wirkt besonders das, was verschwiegen wird. Es ist mir ein Rätsel, wie das funktioniert, aber es gibt ja schon einige Forschung dazu… Ganz offensichtlich wird doch viel mehr in den Genen weitergegeben, auf das dann die Umwelt nur bedingt Einfluss hat… aber das wäre ein Thema für einen eigenen Text, den ich vielleicht irgendwann schreibe, wenn ich mehr dazu recherchiert habe… 

 

 

Sonntag, 10. Juli 2022

Neil Alexander „Die geheimnisvollen Briefe der Margaret Small

Das erste Urlaubsbuch in diesem Jahr und schon ausgelesen! Na, gut, ich hatte bereits vor ein paar Tagen begonnen, darin zu lesen, aber gestern nach meiner Ankunft in der blauen Pause, die mein Feriendomizil für die kommenden drei Wochen sein wird, und heute den ganzen Tag, tat ich nicht viel mehr, als zu lesen  Welch ein Genuss! Nun will ich aber auch endlich wieder beginnen, über die Bücher zu schreiben, die ich lese, weshalb ich gleich damit anfange.

Margaret wird 1947, im Alter von sieben Jahren, in ein Kinderheim gebracht, das eher eine Klinik ist. Dort bleibt sie, bis sich irgendwann die Zeiten ändern und Menschen wie ihr endlich auch ein eigenständiges Leben zugetraut und zugestanden wird. Da ist sie dann schon vierzig Jahre alt. Heute würde man sagen, Margaret hat Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung. Damals galt sie als behindert und man meinte, der Gesellschaft solche Menschen, selbst deren Anblick, nicht zumuten zu können. Sie wurden weggesperrt und dort, wo sie waren, nicht freundlich, eher häufig menschenunwürdig, behandelt. Ihr Leben galt nichts und wenn eine/r von ihnen starb, war es auch nicht schlimm. So grausam das klingt, war es leider.

 

Neil Alexander erzählt die Geschichte der fiktiven Margaret Small stellvertretend für die vielen Menschen, die auf die eben beschriebene Weise für die Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden.

Die Kapitel wechseln zwischen Margarets Alltag als über Siebzigjährige und ihrer Zeit als Kind und junge Erwachsene in der Klinik. Die Tatsache, dass der Autor die Protagonistin aus der Ich- Perspektive erzählen lässt, bringt sie dem Leser besonders nahe… und verdeutlicht, wie arrogant die Haltung derer ist, die meinen, Menschen, die irgendwelche Beeinträchtigungen haben, veralbern, beschimpfen, übersehen zu dürfen oder mit ihnen sprechen zu müssen, als würden diese nichts verstehen. 

Ich hatte sofort einige Menschen aus meinem beruflichen Umfeld im Kopf, denen ich dieses Buch empfehlen könnte. Menschen, die eben diese arrogante Haltung haben oder zumindest von Zeit zu Zeit Sprüche von sich geben, die diese Haltung zum Ausdruck bringen.

 

Auch wenn es heute inklusive Schulen gibt, wenn Kinder, denen man es früher nicht zutraute, heute lesen und schreiben lernen, ist das Thema des Buches hochaktuell. Darüber hinaus liest es sich sehr gut und ich empfehle es allen, die gern Geschichten lesen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und dabei Bezüge zu tatsächlichen Geschehnissen/ gesellschaftlichen Verhältnissen herstellen.

 

 

Sonntag, 18. Juli 2021

Daniel Speck „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road”

Ich schreibe hier über zwei Bücher in einem Beitrag, weil „Jaffa Road“ die Fortsetzung der Geschichte aus „Piccola Sicilia“ erzählt. Man kann beide Bücher auch unabhängig voneinander lesen, aber insbesondere bei „Piccola Sicilia“ bleiben dann Fragen offen. Als ich das Buch kaufte, wusste ich nicht, dass es eine unvollständige Geschichte enthält. Einmal begonnen, fiel es mir schwer, das Buch wegzulegen, aber 615 Seiten liest man nicht an einem Stück, man muss ja auch mal was essen oder trinken oder sich bewegen… Jedenfalls wusste ich am Ende des Buches, dass ich die Fortsetzung unbedingt lesen müsste, was ich nun, da das Buch erschien, auch umgehend tat.

 

Nina, eine junge Archäologin, erhält einen Anruf von einem Studienfreund, der vor der Küste Siciliens das Wrack eines deutschen Flugzeugs aus dem zweiten Weltkrieg geortet hat, das er heben will. Darin fand er eine Kamera mit eingravierten Initialen. Diese Kamera könnte Ninas Großvater, Moritz Reincke, gehört haben, der als Fotograf der Wehrmacht in Tunis stationiert war und nie zurückgekehrt ist. Ihre Großmutter Fanny, mit der er sich verlobt hatte, war schwanger, als er in den Einsatz ging. Seine Tochter Anita hat er nie kennengelernt. Seine Enkeltochter Nina hatte nie erschöpfende Antworten auf ihre Fragen nach dem Großvater erhalten. Obwohl oder gerade weil Nina gerade die Trennung von ihrem Ehemann verarbeiten muss, begibt sie sich nach Sizilien, um Patrice bei seiner Arbeit zu helfen.

Vor Ort lernt sie Joëlle Sarfati kennen, die behauptet, die Tochter von Ninas Großvater zu sein. Nina ist verwirrt und fragt sich: „Wenn das Fundament, auf dem die eigene Welt gebaut ist, nicht der Wahrheit entspricht, wie leicht ist man dann zu erschüttern?“ Auch Joëlle ist verwirrt, war sie doch der Meinung, dass Maurice, wie Moritz für sie hieß, zurück nach Deutschland gegangen war und dort mit seiner „anderen“ Familie gelebt hätte. Sie ist überzeugt davon, dass Moritz‘ Überreste in dem Wrack nicht zu finden sein werden, sondern dass er noch lebt, auch jetzt noch. Ein alter Mann, der mehrere Leben lebte und dessen Gegenwart sie zu spüren meint. 

 

In „Piccola Sicilia“ erzählt Daniel Speck, die Lebensgeschichten von Moritz Reincke, Nina und Joëlle. Die Geschichte von Moritz Reincke endet in diesem Buch kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Moritz flieht mit Joëlles Mutter Yasmina, einer Jüdin, und Joëlle nach Palästina. 

In „Jaffa Road“ wird dann sein weiteres Leben erzählt und es stellt sich heraus, dass Joëlle mit ihrer Vermutung, er würde noch leben, recht hatte. Dieses zweite Buch kann man auch lesen, ohne das erste zu kennen, da entsprechende Bezüge hergestellt werden. Aber umfassender ist es natürlich beide zu lesen. 

Samstag, 17. Juli 2021

Regina Scheer „Machandel“

Dieses Buch las ich schon vor einiger Zeit und als ich nun darüber schreiben wollte, blätterte ich noch einmal darin… und las mich erneut fest daran. Nicht dass ich mich nicht mehr an den Inhalt erinnert hätte, aber die Geschichte zog mich wieder in ihren Bann. Und natürlich wusste ich nicht mehr jedes Detail. Das war ja der Grund, warum ich dieses Blog vor sieben Jahren einrichtete. Ich lese viel und tauche mit Begeisterung in die Geschichten ein. Aber wenn eine Zeit vergangen ist, dann weiß ich entweder den Namen des/ der Autor_in nicht mehr oder der Titel fällt mir nicht ein oder ich erinnere wesentliche Details nur noch ungenau. Aufgrund einer beruflichen Veränderung kam ich in den vergangenen vier Jahren kaum noch dazu, über die Bücher zu schreiben, die ich las- immerhin das Lesen konnte ich mir trotz der vielen Arbeit erhalten J

Doch nun habe ich mir vorgenommen, wieder öfter zu schreiben und eben auch über Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren las und über die ich noch nicht schrieb.

Nun also zu „Machandel“. Der Titel ist gleichzeitig auch der- fiktive- Name eines Dorfes im Norden des Landes Brandenburg. In diesem Dorf entdeckt eine junge Frau, Clara, im Jahr 1985 eine verfallene Kate. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael, beginnt sie, diese herzurichten und bewohnbar zu machen. Ein Refugium entsteht. 

In den Ort kam Clara, weil sie ihren älteren Bruder Jan begleitete. Der hatte in Machandel seine Kinderjahre bis zur Einschulung verbracht und wollte sich von dem Dorf verabschieden. Er hatte einen Ausreiseantrag gestellt und würde am nächsten Tag die DDR verlassen.

Regina Scheer erzählt in ihrem Roman von den letzten Jahren der DDR, von der Bürgerrechtsbewegung, aber auch von der Zeit des zweiten Weltkrieges, von Flucht und Vertreibung und vom Schweigen, wie es in vielen Familien existiert. Mit einem Zitat des jüdischen Gelehrten Rabbi Israel ben Elieser macht Regina Scheer den Grundton des Buches deutlich: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Donnerstag, 15. Juli 2021

Juli Zeh „Über Menschen“

Jochen, der Rochen ist eine Hündin, Dora, heißt so (behauptet sie mal eben kurz), weil ihr Haus in Dorfrandlage liegt und ein Dorfnazi ist Doras rechter Nachbar- echt jetzt!

Dora, eine Werbetexterin kauft sich ein Haus in der Prignitz und zieht zu Corona- Zeiten aus Berlin dorthin. In Berlin lebte sie mit ihrem Freund in einer Altbauwohnung, nun lebt sie allein im Nirgendwo. In einem Ort, in dem es weder einen Supermarkt, noch einen Bäcker oder sonst irgendeinen Laden gibt. Bald wird ihr klar, dass es kein „Schwarz- Weiß“ gibt, dass die Gewissheiten, mit denen sie bisher lebte, sich in diesem kleinen Dorf auflösen wie Zucker im Kaffee. 

Wenn der Nachbar zur Rechten, nicht nur rechts von einem wohnt, sondern auch ein bekennender Neonazi ist, wenn der Nachbar gegenüber von „Pflanzkanacken“ spricht und damit die Erntehelfer meint… kann man dann mit denen überhaupt reden? Ja, kann man an so einem Ort überhaupt leben? Da muss man sich doch abgrenzen! Aber so einfach ist das Leben eben nicht. Das macht Juli Zeh in ihrem Buch so wunderbar deutlich. 

Sie lässt uns teilhaben an der Wandlung, die in der Werbetexterin Dora vor sich geht und bewirkt durch ihren Schreibstil, dass man sich beim Lesen selbst hinterfragt- jedenfalls ging mir das so.

Es geht in diesem Buch um Stadt und Land, um Nazi und Gutmensch, um Corona, um Arbeit und Burnout, und bei all dem letztlich um Menschlichkeit. Wie gehen wir miteinander um, wann ist der Mensch ein Mensch etc.

 

In Bezug auf die Corona- Krise lässt die Autorin Dora an einer Stelle sagen, was für das Leben insgesamt gilt:

Meistens besteht das Leben aus Trial an Error, und der Mensch kann viel weniger begreifen und kontrollieren, als er glaubt.“

 

Und an einer anderen Stelle allgemeiner/ die gesellschaftliche Situation betreffend: „Die Tragik unserer Epoche,…, besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

 

Dieses Buch ist hochaktuell, witzig, nachdenklich und relativiert so manche Hysterie unserer Zeit.

 

 

 

 

Mittwoch, 30. Dezember 2020

David Grossman „Was Nina wusste“

„Vera ist, wie jeden Morgen, schon früh aus dem Haus gegangen, ihre ‚Alten‘ besuchen, die übrigens alle ein paar Jährchen jünger sind als sie. Die wird sie mit ihrer aufmüpfigen Lebensfreude betäuben… Danach wird sie mit zusammengepressten Lippen und energischen Armbewegungen, die enge rosa Badekappe auf dem Kopf, dreißigmal um das Schwimmbecken herumlaufen und dann auf ihrem Seniorenscooter zum Kibbuzfriedhof düsen- das Gesicht dicht an der Windschutzscheibe, den Po in der Luft, eine Lebensgefahr für jeden, der um diese Uhrzeit im Kibbuz unterwegs ist.“

 

Dieses Zitat macht den Ton deutlich, in dem dieses Buch geschrieben ist. Immer wieder musste ich lächeln. Dabei geht es auch um Krieg, Folter, Vertreibung, Tod von nahen Menschen und darum, was das Schweigen mit den Menschen macht, die davon betroffen sind. Diejenigen, die schweigen und diejenigen, denen das Schweigen begegnet. In erster Linie erzählt uns David Grossman aber die Geschichte von Vera, Nina, Rafi und Gili. Dieses Buch zu lesen und an vielen Stelle zu lächeln, an manchen zu weinen ist, wie es eben ist, das Leben. Es gibt Tragödien, aber es gibt auch Glücksmomente und manchmal ist beides nah beieinander. Und manchmal gelingt es, die Tragödien zu ertragen/ ertragbar zu machen, in ein anderes Licht zu rücken… wie auch immer… wenn man einem Menschen wie Vera begegnet, der pragmatisch, aber mit einem großen Herzen handelt.

 

Vera hat gerade ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert, als ihre Tochter Nina wieder auftaucht. Nina, die Mutter ihrer Enkelin Gili. So beginnt der Roman. David Grossman lässt Gili, die Enkeltochter, die bei ihrem Vater Rafi aufwuchs, weil ihre Mutter irgendwann verschwand, die Geschichte erzählen. Rafi drehte Filme, Gili trat in seine Fußstapfen. Die beiden beschließen, mit Nina und Vera in deren Geburtsland zu fahren und dabei Vera ihre Lebensgeschichte erzählen zu lassen. Für Nina. Für Gili. Und alles aufgenommen mit einer alten Sony- Handkamera. 

Dienstag, 29. Dezember 2020

Daniel Speck „Bella Germania“

Ich las von diesem Autor bereits das Buch „Piccola Sicilia“, über das ich hier noch schreiben werde.

Nun fiel mir dieses Buch in die Hände und ich las es mit der gleichen Begeisterung, wie jenes.

Eine große Liebe, Familiengeheimnisse, Familientraditionen, Ansprüche ans Leben- erfüllte und unerfüllte, das sind die wesentlichen Themen, die in diesem Buch zu einer spannenden und gleichzeitig sehr berührenden Geschichte verwoben werden. Gleichzeitig verfolgt man wie nebenbei auch die politische Entwicklung, da ja keiner der Protagonisten im luftleeren Raum lebt, sondern als mehr oder weniger aktiver Teil dieser Entwicklungen: der Lizenzvertag zwischen BMW und Rivolta über die Isetta, der mit Italien ausgehandelte „Gastarbeiter- Vertrag“, wie diese Menschen dann hier in Deutschland ankamen oder eben auch nach Jahrzehnten noch nicht dazugehörten, die RAF, die Olympiade 1972 mit ihren schrecklichen Ereignissen… 

Giulietta ist jung, Sekretärin in der Autofirma „Iso Rivolta“ in Italien und hatte während ihrer Ausbildung ein paar Deutsch- Sprachkurse besucht. Als der junge Ingenieur Vincent aus Deutschland nach Italien kommt, um sich im Auftrag seines Arbeitgebers BMW die „Isetta“ anzusehen und einzuschätzen, ob dieses Auto in Deutschland verkauft werden könnte, wird Giulietta als Übersetzerin zu den Gesprächen gebeten. So lernen die beiden sich kennen.

Natürlich ist Giulietta, ursprünglich von einer Insel südlich von Sizilien kommend, bereits einem Mann „versprochen“, weil das eben auf den Inseln so üblich ist. Aber Giulietta hat Träume, die sie in dieser Ehe vermutlich niemals wird realisieren können.

Vincent hat während des Krieges alles verloren. Keine Familie stützt ihn, alles hat er durch glückliche Umstände und eigene ehrgeizige Arbeit erreicht. In Deutschland ist zudem fünf Jahre nach Kriegsende alles im Aufbruch, in der Veränderung. 

Die beiden verlieben sich ineinander und beginnen eine heimliche Beziehung. Als Vincent zurück nach Deutschland fährt, will Giulietta mit ihm gehen. Sie will den Sprung wagen, will leben, lachen und sich ihren Traum vom Verkauf ihrer eigenen Mode- Entwürfe verwirklichen.

Aber es kommt anders. Die Traditionen, die Ehrfurcht vor der Mamma, die nun einmal etwas anderes bestimmt hat, halten Giulietta zurück. Sie heiratet den, dem sie versprochen ist, schenkt einem Sohn das Leben und ist fortan Mutter und Hausfrau. 

So weit der Anfang der Geschichte, auch wenn das Buch anders beginnt.

Samstag, 12. September 2020

Ulrich Tukur „Der Ursprung der Welt“

Ein Mann reist nach Paris. Man weiß anfangs nicht so genau, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Anfangs vermutete ich, dass es in den zwanziger/ dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sei. Aber es ist 100 Jahre später- Anfang der dreißiger Jahre des 21. Jahrhunderts.

Irgendwo habe ich mal gehört oder gelesen, dass sich Geschichte alle 100 Jahre wiederholt. Das scheint Tukur aufzugreifen.

Er lässt seinen Protagonisten ein Fotoalbum finden, in dem er einen jungen Mann sieht, der ihm aufs Haar gleicht. Zwischendurch gibt es immer wieder Szenen, die tatsächlich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts spielen. Besonders gruselig ist, dass der Protagonist diese Szenen erlebt, als geschähen sie ihm, als wäre er der Akteur. Er ist es aber nicht. Immer wieder „erwacht“ er und fragt sich, was ihm da gerade widerfuhr/ was er schreckliches tat, was das mit ihm zu tun hat, warum es überhaupt geschieht/ ob er es wirklich getan hat.

 

Am Ende lässt Tukur seinen Protagonisten denken: „Das Leben ist ein Abgrund, dachte er, in dem jeder mit dem anderen zusammenhing, ein unendlich fein verzweigtes, unterirdisches Geflecht, das die Erde seit Jahrtausenden durchzog und alles Böse und Gute, alles Tote und Lebendige miteinander verband.“ Im Nachwort erklärt er, dass er sich bei der Beschreibung des Arztes in diesem Roman auf eine reale Person bezog, die tatsächlich im Südfrankreich der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts viele Flüchtlinge nicht nur betrog, sondern auch brutal ermordete.

 

Dieser Roman liest sich nicht immer einfach. Manchmal weiß man einfach nicht, was man davon halten soll. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich so hilflos fühlt, weil alles so aussichtslos erscheint? Die Welt, in der der Roman spielt, ist komplett digitalisiert. Drohnen und Handyüberwachung. Ich habe, unabhängig von diesem Buch schon manchmal gedacht, dass eine Diktatur in der heutigen Zeit mit den Menschen leichtes Spiel hätte. Jeder ist doch jederzeit auffindbar, weil vernetzt. Wer schaltet noch sein Handy aus? Wer postet nicht irgendwo irgendwas? Selbst Nachrichten, Mails, mal ganz abgesehen von Messengerdiensten wie WhatsApp, sind jederzeit einsehbar, wenn man das will und über die entsprechende Technik verfügt… ein gruseliger Gedanke, der manchmal in mir aufsteigt. Glücklicherweise leben wir nicht in einer solchen, das Leben des Einzelnen jederzeit bedrohenden Staatsform. Noch nicht… Manchmal befürchte ich jedoch, wenn ich die Nachrichten verfolge, dass sich Geschichte tatsächlich alle 100 Jahre wiederholt. Dann wünsche ich mit aller Kraft, dass dem nicht so sein möge, dass die Menschen nicht nur die Technik weiterentwickelt haben, sondern auch ihr Bewusstsein für die Katastrophe, die eine undemokratische Gesellschaft bedeutet.

Dienstag, 25. August 2020

Mercé Rodoreda „Der Garten über dem Meer“


Diesen Roman liehen mir meine Nachbarn aus, die gerade auf dem Weg in ihr südfranzösisches Feriendomizil, nahe der katalanischen Grenze waren.

Es ist eine Geschichte, die an den großen Gatsby erinnert, sicherlich auch, weil sie- ohne dass dies je genau benannt wird- offensichtlich in derselben Zeit spielt.

Erzählt wird die Geschichte vom Gärtner des Gartens über dem Meer. Er erklärt gleich zu Beginn, dass er alt sei und sich nicht mehr an alles genau erinnere. Seine Sprache ist bedächtig und die Lektüre dieses Buches vielleicht auch dadurch sehr entspannend.

Er erzählt über sechs Sommer in jenem Haus im Garten über dem Meer. Die Herrschaften leben dort nur im Sommer. Den Winter verbringen sie in Barcelona.

Freitag, 24. Juli 2020

Stefanie Gregg „Nebelkinder“

Eine Geschichte über Flucht und deren Folgen. 

Eine Mutter flieht mit zwei Töchtern (Anastasia und Helene), ihrer Schwester und deren Sohn aus Breslau, dem heutigen Wrozlaw. Es gelingt ihnen in den letzten Zug aufgenommen zu werden und später werden ihnen sogar Sitzplätze organisiert. Damit dies alles möglich ist, müssen die beiden Mütter den Soldaten, die den Zug begleiten, „zur Verfügung stehen“. Die Kinder bekommen das zwar mit, wissen aber nicht wirklich, was geschieht. 

Es ist Winter und eisig kalt. Es gibt so gut wie nichts zu essen, man kann sich nicht waschen und bekommt nur selten etwas zu trinken. So geht das tagelang. Niemand weiß, ob der Zug es schafft, wie lange sie unterwegs sein werden, ob sie diese Fahrt überleben.

Die zweite Erzählebene spielt in der heutigen Zeit. Lilith, die Tochter von Anastasia steht vor einer Entscheidung, die ihr Leben stark verändern kann. Da sie unentschlossen ist, lädt Anastasia sie zu einer Reise nach Wrozlaw ein… und sie beginnt zu erzählen, was damals geschah. 

Lilith erfährt Dinge, über die noch nie geredet wurde und beginnt langsam zu verstehen, was sie nie begreifen konnte. Der Titel des Buches bezieht sich genau auf dieses Gefühl: dieses Stochern im Nebel. Man spürt, dass da etwas ist, aber selbst auf Fragen erhält man keine Antwort oder nur Erklärungen, die den Nebel nicht lichten, weil sie ausweichend gegeben werden…

 

Diese Geschichte macht in Romanform deutlich, was Sabine Bode in ihren Büchern „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel“ herausgearbeitet hat: all die Schrecken des Krieges und der Flucht verlieren sich nicht, indem man einfach nicht darüber redet. Im Gegenteil: die verdrängten schrecklichen Erlebnisse verwandeln sich in Ängste und Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dass die Schrecken von Generation zu Generation weiterwirken. 

Ich denke, dass dies für alle Geheimnisse gilt, die es in Familien gibt. Jeder Schrecken, der nicht verarbeitet wird, gärt weiter, prägt das Verhalten und wird so ungewollt auf die Kinder und Kindeskinder übertragen. Das Schlimme daran ist, dass die folgenden Generationen sich manche Gefühle oder Verhaltensweisen nicht erklären können, denn sie selbst hatten diese Erlebnisse ja nicht. Wenn nicht, wie Anastasia in diesem Buch, diejenigen, die diese Erlebnisse hatten, sich öffnen und darüber sprechen, werden die Kinder und Kindeskinder immer weiter „im Nebel stochern“.

 

Ich fand es ein wenig schade, dass manche Personen aus der Geschichte später „verschwanden“. So erfährt man nicht, was aus Anastasias Schwester Helene wurde, was aus Wolfi, dem Cousin der beiden und seiner Mutter Selma, die ja auch die Flucht erlebten. Aber vielleicht gibt es irgendwann noch eine Fortsetzung zu diesem Roman?

 

Armando Lucas Correa „Die verlorene Tochter der Sternbergs“


 

Familie Sternberg lebt in Berlin. Der Vater ist Kardiologe und die Mutter betreibt den Buchladen, den sie von ihrem Vater übernommen hat, den „Büchergarten“ in Berlin Charlottenburg. Die beiden lieben sich und ihre beiden Töchter Viera und Lina innig. Aber sie sind Juden und das ist mit Machtantritt der Nazis kein gutes Vorzeichen für ein glückliches Leben.

Armando Lucas Correa beschreibt in diesem Buch die Leben der Mitglieder dieser Familie. Der Vater stirbt schnell, nachdem er von den Nazis abgeholt wird. Es gelingt ihm jedoch, zuvor noch die Flucht seiner Töchter vorzubereiten. Beide sollen am 13. Mai 1939 mit dem Passagierschiff „St. Louis“ nach Kuba zum Bruder seiner Frau reisen. Wenn er selbst und seine Frau schon nicht gerettet werden konnten, so sollten es wenigstens die Kinder schaffen. Der Vater eines ehemaligen Patienten, ein Nazi zwar, aber doch dankbar gegenüber Dr. Sternberg, der das schwache Herz seines Sohnes gestärkt hatte, war aktiv geworden und hatte alles für die Flucht der Töchter der Sternbergs organisiert.

Amanda, die Mutter von Viera und Lina, kann keine Dankbarkeit empfinden. Wie auch? Ihr Leben ist zerstört, der Buchladen leer, die Bücher verbrannt, ihr geliebter Mann tot und nun soll sie sich auch noch von ihren Töchtern trennen. Sie entschließt sich, am Pier erst, nur die ältere der beiden auf das Schiff und nach Kuba zu ihrem Bruder zu schicken. Mit der jüngeren flieht sie weiter nach Frankreich in ein Dorf in der Nähe von Limoges zu der Frau eines Freundes ihres Vaters, Claire.

Freitag, 17. Juli 2020

Emily Gunnis „Das Haus der Verlassenen“

Dieses Buch habe ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen! Gut, dass ich Urlaub habe und mir darum diese Zeit nehmen konnte ;)

Es geht um Mutter- Kind- Heime in England in den 50er/ 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Inzwischen weiß man viel über die „Magdalenen- Heime“ in Irland, über die am Ende der 1990er/ Anfang der 2000er Jahre immer mehr veröffentlicht wurde. Dass es solche Heime auch in anderen Ländern so oder ähnlich gab, ist inzwischen ebenfalls bekannt. 

Emily Gunnis schreibt in ihrem Nachwort, dass das im Roman benannte Heim eine Fiktion ist, dass es aber auch in England solche Heime gab und sie sich mit ihren Beschreibungen auf die Zustände in verschiedenen Einrichtungen auf dem Gebiet Großbritanniens bezieht.

Der Roman beginnt mit dem Brief einer jungen Frau an ein kleines Mädchen, in dem sie diesem erklärt, wie es aus dem schrecklichen Heim fliehen kann, während die junge Frau durch ihren Freitod für Ablenkung sorgen wird.

Beide, die junge Frau und das kleine Mädchen, sind gefangen in diesem, von Nonnen geführten, Heim. Das Mädchen wurde dort geboren und irgendwann von den Adoptiveltern, an die man es vermittelt hatte, zurückgebracht. Es fristet sein Dasein unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Dachboden des Hauses. Die junge Frau brachte ihr uneheliches Kind in diesem Heim zur Welt und wurde, wie alle „gefallenen“ Mädchen, die in diese Einrichtung kommen, gezwungen, es zur Adoption freizugeben. Beide müssen von morgens bis abends schwer in der Wäscherei schuften, bekommen nur wenig zu essen, sind niemals ohne Aufsicht, dürfen nie aus dem Haus, nicht einmal in den Garten- kurz: es sind Zustände, von denen man denkt, so etwas hätte es vielleicht im Mittelalter gegeben. Wie inzwischen bekannt ist, wurden diese Heime aber bis weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts- für die Verantwortlichen sehr ertragreich- betrieben.

Mittwoch, 10. Juli 2019

Elisabeth Graver „Die Sommer der Porters“


Die Autorin sagte mir gar nichts und doch nahm ich das Buch mit auf meine Reise nach Frankreich. Es versprach Familiengeschichte über 60 Jahre und das interessiert mich immer.
Es geht um eine wohlhabende Familie in Massachusetts, die ein Sommerhaus auf einer felsigen Halbinsel besitzt. Dort verbringen sie ihre Sommermonate. Als die Kinder größer werden, werden neue Häuser gebaut und egal wie gut man sich versteht- die Sommer in Ashaunt- so der Name der fiktiven Halbinsel- sind jedem Einzelnen wichtig und es ist völlig klar, dass man den Sommer dort verbringt. 
Es ist ein anderes Leben dort, frei von Zwängen, naturverbunden und doch nicht ohne die gewohnten Annehmlichkeiten.
Elisabeth Graver lässt einige Charaktere besonders zu Wort kommen: eines der schottischen Kindermädchen (Bea), eine der Töchter (Helen), deren Sohn (Charlie). Aus ihrer Sicht schildern sie das Leben auf Ashaunt, ihre Schwierigkeiten mit dem Leben dort und im Allgemeinen. Aber auch die Liebe zu den Menschen, zum Sommersitz, zum Leben. 
Die Autorin wählt unterschiedliche Schreibweisen: erzählend aus Beas Sicht ohne sie als Ich- Erzählerin zu gestalten, Helen in Briefen und dann, ein paar Kapitel später ihre Sicht schildernd, Charlie ebenfalls als Hauptfigur über viele Seiten mit seiner Sicht auf sein Leben und das Verhältnis zu seiner Mutter und den Sommersitz.
Zwischenzeitlich schiebt sie Absätze ein, in denen zusammengefasst wird, was in den folgenden Jahren geschieht/ geschehen wird, so dass Fragen, die sich einem zu der einen oder anderen Person stellen, doch noch beantwortet werden.

Sonntag, 4. November 2018

Deborah Feldmann „unorthodox“ und „Überbitten“

Ich hatte das Buch „unorthodox“ schon lange auf meiner Leseliste. Ich weiß nicht, warum ich es so lange aufschob, es zu kaufen und zu lesen. Die jüdische Kultur hat mich von jeher wie so vieles interessiert. Nur hatte ich keinen Kontakt damit. Im Osten Deutschlands, wo ich aufwuchs, stilisierte sich die Gesellschaft als antifaschistisch. Über die Juden wurde nur gesprochen, wenn man die Nazis anprangerte, und das geschah beinahe täglich. Aber über die jüdische Kultur erfuhr man nichts. Es wurde nur, und das gefühlt täglich, in der Schule hervorgehoben, was die Nazis den Juden Schreckliches angetan haben. Wie viele Opfer, welche Grausamkeiten, diese en Detail. Bereits in der Grundschule, in der ersten Klasse wurden wir in das ehemalige KZ Sachsenhausen geführt. Die Verbrennungsöfen, die Erschießungsanlage und die Lampe mit dem Schirm aus Menschenhaut haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. 
Über die jüdische Kultur erfuhr ich erst viel später, auf meiner Reise nach Israel 2013 und aus verschiedenen Büchern, wie nun auch aus diesem von Deborah Feldmann. 
Sie beschreibt, welche Folgen der Holocaust speziell für ihre Familie hatte und welche Auswirkungen damit auf ihr eigenes Leben. Ihre Großeltern hatten die Schreckenszeit überlebt. Deborah wächst bei Ihnen auf. Sie verbringt ihre Kindheit in einer nahezu abgeschlossenen Welt, einem Viertel Brooklyns, in dem überwiegend orthodoxe Juden wohnen. Die Gemeinschaft ist der Meinung, sie müsse sich extrem an die Gesetze der Thora halten. Denn, so sagen sie, weil die Juden zu weltlich wurden, weil sie sich zu sehr an die modernen Gesellschaften, in denen sie lebten, anpassten, sandte ihnen Gott den Holocaust. Um so etwas für immer zu verhindern, leben sie nun in einer orthodoxen Gemeinschaft, in der das „Gesetz“ über allem steht. Verboten, verboten, verboten! Das ist der Alltag von Deborah Feldmann.

Sonntag, 22. Juli 2018

Carmen Korn „Töchter einer neuen Zeit“ und „Zeiten des Aufbruchs“

Wieder eine Jahrhundert- Trilogie über das zwanzigste. Diejenige von Ken Follett las ich schon und nun gibt es eine weitere. Diese geschrieben von einer Frau. Die Sicht und die Schauplätze nicht so international. Die Romane spielen durchweg in Hamburg und Umgebung.
Dass es eine Trilogie ist, weiß ich allerdings erst seit heute. Ich hatte die beiden o.g. Titel meiner Mutter geschenkt. Eigentlich verschenke ich keine Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen habe. Aber bei diesen beiden war ich mir sicher, dass es kein Fehlgriff sein kann. Wie recht ich damit hatte! Nachdem meine Mutter beide Bücher gelesen hatte, bekam ich sie geliehen und ich war froh, gleich beide zu Hause zu haben. 
Carmen Korn erzählt das Leben von vier Frauen. Vier Freundinnen. Keine große Politik. Das Leben einfach, zwar beeinflusst von der Politik, erschüttert auch durch diese. Aber die Politik steht nicht im Vordergrund. 
Dort finden sich die tausend Kleinigkeiten, die das Leben eben ausmachen. Und gerade das ist interessant. Wie lebten die „kleinen Leute“? Welche Sorgen hatten sie? Wie wurde damals gewaschen, gekocht, wie Vorräte angelegt? Ich glaube, für nachfolgende Generationen wird die Lektüre solcher Bücher noch interessanter sein, als für die meine. 

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Jung Chan "Wilde Schwäne"

Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie im China des 20. Jahrhunderts. Im Besonderen geht es um drei Frauen, Großmutter, Mutter und Tochter. Die Tochter erhält 1978 ein Stipendium für ein Studium in England. Erst dort und auch erst nachdem klar ist, dass sie in England bleibt, dass ihre Ängste, man würde sie betäuben und in einem Jutesack zurück nach China schaffen, unbegründet sind, als sie ihre große Liebe findet und nachdem ihre Mutter ihr bei einem Besuch 1988 wochenlang Geschichten erzählt und noch 60 Stunden Geschichten auf Kassetten hinterließ, erst da beginnt sie, Jung Chan, die Lebensgeschichten ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihre eigene aufzuschreiben.

Freitag, 21. April 2017

Christine Brückner „Jauche und Levkojen“, „Nirgendwo ist Poenichen“ und „Die Quints“

Die Poenichen- Trilogie werden die drei Bände auch genannt. Sie erzählen vom Leben der Maximiliane von Quindt, die 1918 auf Gut Poenichen in Hinterpommern geboren wird und bei ihren Großeltern aufwächst. Der Vater fiel in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges, die Mutter liebte das Berliner Leben viel zu sehr, war auch noch zu jung und konnte weder dem Leben mit Kind, noch dem Leben auf dem Land irgendetwas abgewinnen.
Maximiliane läuft am liebsten barfuß, auch wenn sie zu einem Fräulein erzogen werden soll. Sie heiratet 1937 einen Quint ohne „d“ und ohne Adelstitel. Der Großvater sagt trocken: „Dieser junge Quint ohne d ist ein Mann mit Idealen und Grundsätzen. Es ist nur die Frage, ob es die richtigen sind. Aber jemand, der von einer falschen Sache überzeugt ist, ist mir lieber, als einer, der von gar nichts überzeugt ist.“ Viktor Quint ist überzeugter Nationalsozialist und der alte Quindt sorgt sich um den Fortbestand des Gutes.

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Michel Houellebecq „Unterwerfung“

Manchmal frage ich mich, warum es bestimmte Bücher auf die Bestsellerlisten schaffen, z.B. dieses von Houellebecq. Ich hatte früher schon versucht, Bücher von ihm zu lesen und habe sie stets beiseite gelegt, weil mir die ausführliche Darstellung der pessimistischen Lebenshaltung der Protagonisten zu anstrengend war.
Dieses las ich zu Ende, weil es so viel Aufregung in den Medien nach Erscheinen gab. Allerdings konnte ich nicht finden, was viele Kritiker meinten dort beschrieben zu sehen.

Auf dem Buchrücken heißt es u.a. „Schonungslos und mit großer erzählerischer Kraft zeigt Michel Houellebecq in seinem bislang wohl kontroversesten Roman, wie sich Menschen freiwillig in ein System fügen, das alle Grundwerte der westlichen Welt verneint.“ 
Menschen? Männliche Hochschullehrer wäre richtiger! Denn Houellebecq zeigt in diesem Roman ausschließlich, dass nach und nach einige Hochschullehrer zum Islam konvertieren, angetan davon, dann doch noch eine Frau oder gar mehrere zu finden. Frauen, die ihnen dienen werden, weil sie in der neuen Gesellschaft diese und nur diese Rolle haben. Aber sonst? Welche Grundwerte werden noch verneint? Beschreibt er weitere gesellschaftliche Bereiche? Beschreibt er, wie die Frauen mit der neuen Gesellschaft klar kommen? Stößt der Protagonist auf andere Schwierigkeiten als die, die er zuvor schon hatte? Nein. Es geht lediglich um das armselige Leben des Hochschullehrers François, der zu keiner Zeit Glück empfindet (klar: seine Kindheit war auch ein Desaster!), aber nun nach dem Sieg der muslimischen Partei bei demokratischen Wahlen, doch endlich einen Funken Hoffnung hat, da er sich als Moslem eine Frau (oder auch mehrere) über eine Heiratsvermittlerin wird aussuchen können.

Was also hat die Diskussion bei Erscheinen dieses Buches so hitzig werden lassen? Die Tatsache, dass jemand das Gedankenexperiment wagt, nicht eine rechte sondern eine muslimische Partei könnte die Wahl gewinnen? Und es so darstellt, dass alle, die dies jetzt als schrecklich beschwören, sich schließlich (auch) diesem System andienen, ja es sogar als für sich vorteilhaft empfinden würden? Das ist aus meiner Sicht nicht besonders aufregend, sondern vorhersehbar, weil menschlich. 

Dieses Buch gehört jedenfalls nicht zu den Büchern, die ich weiterempfehlen würde. Auch Schonungslosigkeit oder große erzählerische Kraft konnte ich beim Lesen nicht empfinden. Eher hatte ich an manchen Stellen das Gefühl ein pornografisches Buch in der Hand zu halten.


Montag, 16. Mai 2016

Siegfried Lenz „Der Überläufer“

Ich habe mich schon mehrfach an Büchern von Siegfried Lenz versucht, bin aber nie bis zum Ende gekommen. Vielleicht war es einfach nicht die richtige Zeit? Die Erfahrung machte ich jedenfalls schon mit verschiedenen Autoren: ich begann zu lesen und kam einfach nicht in die Geschichte hinein. Später, als ich ein so abgelegtes Buch erneut zur Hand nahm, faszinierte es mich plötzlich. Vielleicht ist es bei Lenz genauso?
Dieses Buch gilt als zweiter Roman von Lenz, der allerdings erst jetzt, nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Zur Zeit seiner Entstehung, 1951, wurde es abgelehnt. Vielleicht war es das, was mich anzog? Ein einstmals "verbotenes" Buch? Ich kann es nicht sicher sagen. Jedenfalls las ich dieses Buch bis zum Ende und auch das lange Nachwort, in dem die Entstehungsgeschichte des Romans und der Grund für seine späte Veröffentlichung dargelegt wird.
An vielen Stellen dachte ich: klar, warum DAS nicht willkommen war, so kurz nach diesem Krieg. Wer wollte sich damit schon auseinandersetzen? Überläufer, Deserteure waren für Viele, und ich wage zu behaupten, sind bis heute, Menschen mit Makel. Sie verraten das eigene Land, sie sind bereit auf die eigenen Leute zu schießen. Das kann und will niemand nachvollziehen. Es würde bedeuten, sich auseinanderzusetzen mit dem Irrsinn von Kriegen im Allgemeinen. Wer will das schon, vor allem dann, wenn er selbst dabei war? Wenn er selbst vielleicht diese Gedanken hatte, zu fliehen, sich zu verstecken, unterzutauchen oder notfalls auf der anderen Seite zu kämpfen? Ist die andere Seite denn die Bessere?

Sonntag, 3. April 2016

Christopher Morley „Das Haus der vergessenen Bücher“

Die Fortsetzung des Romans „Eine Buchhandlung auf Reisen“ erzählt natürlich auch von Büchern und von der Liebe zur Literatur. Auch hier begegnen sich zwei Menschen, die einander mehr und mehr bedeuten. Der Parnassus, die fahrende Buchhandlung ist sesshaft geworden und zwar in Brooklyn, New York. Das Ganze ist dieses Mal mit einer Spionagegeschichte verwoben. Diese entwickelt gegen Ende des Romans einige Spannung, aber irgendwie wirkte alles aus meiner Sicht eher harmlos. Ja, es geschieht viel, ja, es ist spannend. Aber ich hatte als Leser nie den geringsten Zweifel, dass am Ende alles gut wird. Ich bangte nicht um die Figuren… das muss ja auch nicht sein… und ja, es ist auch lange nicht klar, was da eigentlich passiert, was z.B. das Verschwinden eines Buches zu bedeuten hat. 
Dieser Roman ist also durchaus in die Kategorie „Krimi“ einzuordnen. Aber jemandem, der gern Krimis liest, würde ich dieses Buch sicher nicht empfehlen… Warum nicht? Ich habe lange darüber nachgedacht und finde kein anders Wort dafür als „naiv“. Die Geschichte wirkt naiv. Vielleicht liegt es an der Art, wie Morley erzählt… Jedenfalls ist auch dieses Buch, wie schon "Eine Buchhandlung auf Reisen", aus meiner Sicht eher eine Empfehlung für Menschen, die Bücher lieben, die Anregungen für Lektüre suchen (die findet man am Anfang sehr reichlich- nur wann das alles lesen? ;)) und die sich gern in das Brooklyn der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts tragen lassen.