Montag, 16. Mai 2016

Siegfried Lenz „Der Überläufer“

Ich habe mich schon mehrfach an Büchern von Siegfried Lenz versucht, bin aber nie bis zum Ende gekommen. Vielleicht war es einfach nicht die richtige Zeit? Die Erfahrung machte ich jedenfalls schon mit verschiedenen Autoren: ich begann zu lesen und kam einfach nicht in die Geschichte hinein. Später, als ich ein so abgelegtes Buch erneut zur Hand nahm, faszinierte es mich plötzlich. Vielleicht ist es bei Lenz genauso?
Dieses Buch gilt als zweiter Roman von Lenz, der allerdings erst jetzt, nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Zur Zeit seiner Entstehung, 1951, wurde es abgelehnt. Vielleicht war es das, was mich anzog? Ein einstmals "verbotenes" Buch? Ich kann es nicht sicher sagen. Jedenfalls las ich dieses Buch bis zum Ende und auch das lange Nachwort, in dem die Entstehungsgeschichte des Romans und der Grund für seine späte Veröffentlichung dargelegt wird.
An vielen Stellen dachte ich: klar, warum DAS nicht willkommen war, so kurz nach diesem Krieg. Wer wollte sich damit schon auseinandersetzen? Überläufer, Deserteure waren für Viele, und ich wage zu behaupten, sind bis heute, Menschen mit Makel. Sie verraten das eigene Land, sie sind bereit auf die eigenen Leute zu schießen. Das kann und will niemand nachvollziehen. Es würde bedeuten, sich auseinanderzusetzen mit dem Irrsinn von Kriegen im Allgemeinen. Wer will das schon, vor allem dann, wenn er selbst dabei war? Wenn er selbst vielleicht diese Gedanken hatte, zu fliehen, sich zu verstecken, unterzutauchen oder notfalls auf der anderen Seite zu kämpfen? Ist die andere Seite denn die Bessere?

Proska, die Hauptfigur dieses Romans, läuft zu den Partisanen über. Er entgeht dadurch dem sicheren Tod. Aber ist das allein sein Beweggrund? Der Wille zu leben? Ist das menschlich, um des Überlebens willen gegen die eigenen Leute zu kämpfen? Oder ist dieser Kampf eines Überläufers gleichzeitig der Kampf gegen eine Ideologie, die die eigenen Leute vergiftet hat? Lenz flicht in seinen Roman vielfältige Überlegungen dazu ein. Dazu hier ein paar Zitate:

„ Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein. Nur im Scheinwerferbewusstsein des einzelnen bekommen und behalten die Dinge ihren Wert. Die moralischen Motive sind immer Sache des einzelnen.“

„ Krieg: das ist das grausam- lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht, die Tage, da Nachsicht und Geduld rar werden, da jedem eine Stoppuhr läuft…“

„Soll man sich mehr mit dem beschäftigen, was moralisch ist, oder mit dem, was uns nützt? Das Moralische nützt nicht immer und das Nützliche ist nicht immer moralisch.“

„Nach einer Seite hin kann man hassen, aber wer nach zwei Seiten zu hassen gezwungen ist, der gibt zu, dass er in einem selbstverschuldeten Dilemma steckt. Die Deutschen treiben ihre Selbstverleugnung so weit, dass sie einen Abgrund nur als Gefahr für andere betrachten.“

Ich denke, diese kleine Auswahl an Zitaten aus dem Buch könnte eine Erklärung dafür sein, warum es so kurz nach dem Krieg nicht veröffentlicht wurde…

Dieser Roman ist die Geschichte eines jungen Mannes, der bei den deutschen Truppen Dienst tut, der, gefangen von den Partisanen, sich diesen anschließt, der nach dem Ende des Krieges dafür von den russischen Besatzungstruppen in Polen mit verantwortungsvollen Posten betraut wird. Ein junger Mann, der nach kurzer Zeit erkennt, dass seine moralischen Vorstellungen auch mit dem System der Sieger, auf deren Seite er am Ende doch kämpfte, nicht vereinbar sind. Aus diesem Grund flieht er erneut. Die Frage bleibt offen, ob er jemals Frieden finden wird. Denn er hat getötet, vor allem und besonders schwer zu verdrängen, sehr nahe Menschen. Er tötete stets nicht aus Hass, sondern weil er meinte, sonst selbst nicht zu überleben. Und er schlägt sich mit der Frage herum, die wohl jeden Soldaten irgendwann beschäftigt: Ist das eine moralische Rechtfertigung: zu töten, um das eigene Leben zu retten?
Darüber hinaus begegnen ihm die, die davon wissen, dass er überlief, mit Abneigung bis hin zur Verachtung.
Ich glaube, dass dieses Thema bis heute nicht wirklich aufgearbeitet ist. Im Osten wurden diese Menschen zwar von den Offiziellen hofiert, aber fühlten sie sich wirklich als die Gerechten, nur weil die neuen Machhaber sie zu Helden stilisierten?


Es bleibt zu hoffen, dass die späte Veröffentlichung dieses Romans von Siegfried Lenz, eine breitere Diskussion anstößt, als nur den Austausch in Kreisen interessierter Leser.

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