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Donnerstag, 16. Juli 2020

Éric Vuillard „Die Tagesordnung“


Ein schmales Büchlein mit gewichtigem Inhalt. Ausgehend vom Treffen vierundzwanzig hochrangiger Vertreter der Industrie mit Adolf Hitler am 20. Februar 1933 skizziert Vuillard die Zeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Dabei betrachtet er vor allem das, was hinter den Kulissen geschah, das, was nicht unbedingt zum allgemeinen Wissen gehört und vergleicht am Ende die Bereitschaft der Industriellen, den Wahlkampf von Adolf Hitler zu finanzieren mit der, lange nach dem Krieg die vergleichsweise wenigen noch lebenden Zwangsarbeiter zu entschädigen, die unter unmenschlichen Bedingungen maßgeblich zum noch heute existierenden Reichtum der Firmen beitrugen.

Dieses Buch liest sich nicht mal eben so weg. Es setzt einiges Wissen über diese düstere Zeit voraus und ist in einer Sprache geschrieben, die Konzentration erfordert. Überliest man einen Satz, will man querlesen, geht der Sinn des Ganzen verloren und man blättert zurück, liest noch einmal.

Ein Zitat als Beispiel: „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörter Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“

Ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich für Geschichte interessieren und Freude an tiefgründiger Literatur, gedanklichen Winkelzügen sowie stellenweise sarkastischem Tonfall haben.

 

 

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Axel Hacke "Vom Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen"

Dieses kleine Büchlein habe ich mit großem Interesse und begeistert gelesen. Aufmerksam wurde ich darauf durch den Titel. Auch mich beschäftigt, was ich täglich beobachte und was von Vielen als „Verfall der Sitten“ bezeichnet wird. Manchmal frage ich mich, ob ich einfach alt bin und darum so Vieles, was ich täglich erlebe, kritisch sehe. Das findet man ja zu allen Zeiten, dass die Alten meinen, der Untergang sei nah, weil die Jugend sich so respektlos verhalte. Aber aus meiner Sicht, und Axel Hacke bestätigt es in seinem Buch, ist es nicht nur die Jugend, die sich anders verhält. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Lügen, Unterlassungen, Gemeinheiten, Rücksichtslosigkeit u.ä. sind gesellschaftsfähig geworden. Wenn man sich anschaut, wie Politiker sich verhalten, wie manches Presseerzeugnis teilweise bloßstellt und falsche Meldungen bewusst verbreitet, wie Menschen sich auf der Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln verhalten dann fragt man sich, ob es denn gar keinen Anstand mehr gibt, keine verbindlichen Regeln des Umgangs miteinander, keine Vorstellungen davon, was man tut oder eben lieber nicht tut.

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Michel Houellebecq „Unterwerfung“

Manchmal frage ich mich, warum es bestimmte Bücher auf die Bestsellerlisten schaffen, z.B. dieses von Houellebecq. Ich hatte früher schon versucht, Bücher von ihm zu lesen und habe sie stets beiseite gelegt, weil mir die ausführliche Darstellung der pessimistischen Lebenshaltung der Protagonisten zu anstrengend war.
Dieses las ich zu Ende, weil es so viel Aufregung in den Medien nach Erscheinen gab. Allerdings konnte ich nicht finden, was viele Kritiker meinten dort beschrieben zu sehen.

Auf dem Buchrücken heißt es u.a. „Schonungslos und mit großer erzählerischer Kraft zeigt Michel Houellebecq in seinem bislang wohl kontroversesten Roman, wie sich Menschen freiwillig in ein System fügen, das alle Grundwerte der westlichen Welt verneint.“ 
Menschen? Männliche Hochschullehrer wäre richtiger! Denn Houellebecq zeigt in diesem Roman ausschließlich, dass nach und nach einige Hochschullehrer zum Islam konvertieren, angetan davon, dann doch noch eine Frau oder gar mehrere zu finden. Frauen, die ihnen dienen werden, weil sie in der neuen Gesellschaft diese und nur diese Rolle haben. Aber sonst? Welche Grundwerte werden noch verneint? Beschreibt er weitere gesellschaftliche Bereiche? Beschreibt er, wie die Frauen mit der neuen Gesellschaft klar kommen? Stößt der Protagonist auf andere Schwierigkeiten als die, die er zuvor schon hatte? Nein. Es geht lediglich um das armselige Leben des Hochschullehrers François, der zu keiner Zeit Glück empfindet (klar: seine Kindheit war auch ein Desaster!), aber nun nach dem Sieg der muslimischen Partei bei demokratischen Wahlen, doch endlich einen Funken Hoffnung hat, da er sich als Moslem eine Frau (oder auch mehrere) über eine Heiratsvermittlerin wird aussuchen können.

Was also hat die Diskussion bei Erscheinen dieses Buches so hitzig werden lassen? Die Tatsache, dass jemand das Gedankenexperiment wagt, nicht eine rechte sondern eine muslimische Partei könnte die Wahl gewinnen? Und es so darstellt, dass alle, die dies jetzt als schrecklich beschwören, sich schließlich (auch) diesem System andienen, ja es sogar als für sich vorteilhaft empfinden würden? Das ist aus meiner Sicht nicht besonders aufregend, sondern vorhersehbar, weil menschlich. 

Dieses Buch gehört jedenfalls nicht zu den Büchern, die ich weiterempfehlen würde. Auch Schonungslosigkeit oder große erzählerische Kraft konnte ich beim Lesen nicht empfinden. Eher hatte ich an manchen Stellen das Gefühl ein pornografisches Buch in der Hand zu halten.


Montag, 16. Mai 2016

Siegfried Lenz „Der Überläufer“

Ich habe mich schon mehrfach an Büchern von Siegfried Lenz versucht, bin aber nie bis zum Ende gekommen. Vielleicht war es einfach nicht die richtige Zeit? Die Erfahrung machte ich jedenfalls schon mit verschiedenen Autoren: ich begann zu lesen und kam einfach nicht in die Geschichte hinein. Später, als ich ein so abgelegtes Buch erneut zur Hand nahm, faszinierte es mich plötzlich. Vielleicht ist es bei Lenz genauso?
Dieses Buch gilt als zweiter Roman von Lenz, der allerdings erst jetzt, nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Zur Zeit seiner Entstehung, 1951, wurde es abgelehnt. Vielleicht war es das, was mich anzog? Ein einstmals "verbotenes" Buch? Ich kann es nicht sicher sagen. Jedenfalls las ich dieses Buch bis zum Ende und auch das lange Nachwort, in dem die Entstehungsgeschichte des Romans und der Grund für seine späte Veröffentlichung dargelegt wird.
An vielen Stellen dachte ich: klar, warum DAS nicht willkommen war, so kurz nach diesem Krieg. Wer wollte sich damit schon auseinandersetzen? Überläufer, Deserteure waren für Viele, und ich wage zu behaupten, sind bis heute, Menschen mit Makel. Sie verraten das eigene Land, sie sind bereit auf die eigenen Leute zu schießen. Das kann und will niemand nachvollziehen. Es würde bedeuten, sich auseinanderzusetzen mit dem Irrsinn von Kriegen im Allgemeinen. Wer will das schon, vor allem dann, wenn er selbst dabei war? Wenn er selbst vielleicht diese Gedanken hatte, zu fliehen, sich zu verstecken, unterzutauchen oder notfalls auf der anderen Seite zu kämpfen? Ist die andere Seite denn die Bessere?

Sonntag, 3. April 2016

Harry Mulisch „Das Attentat“

Bereits 1982 erschien dieser Roman in den Niederlanden, 1986 dann in deutscher Sprache. Also wird der Eine oder Andere ihn bereits kennen. Ich bekam ihn wieder von meiner lieben, niederländischen Kollegin, die mir auch schon „Die Entdeckung des Himmels“ vom selben Autor schenkte. 
„Das Attentat“ ist ein vergleichsweise kurzer Roman, leichter zu lesen, weil der Autor nicht ganz so viele Querverbindungen in alle möglichen Richtungen zieht, wie in jenem anderen Buch, über das ich auch schon hier schrieb.
In „Das Attentat“ wird die Lebensgeschichte eines Menschen erzählt, der als kleiner Junge miterlebt, wie sein Elternhaus von den deutschen Besatzern abgebrannt wird. In einem Moment sitzt die Familie noch um den Tisch und spielt ein Würfelspiel und im nächsten steht das Haus in Flammen und seine Eltern und sein Bruder sind verschwunden. Er weint nicht. Er ist ganz still. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass er in dieser Stille, sein Leben lang verharrt.

Dienstag, 23. Februar 2016

Abbas Khider "Brief in die Auberginenrepublik"

Ich begann dieses Buch mit der Zuversicht zu lesen, dass Salims Brief aus Libyen Samia im Irak erreichen werde. Unter ungewöhnlichen Umständen, nicht auf dem normalen Postweg, aber er würde sie erreichen. Nach der Hälfte des Buches jedoch begann diese Hoffnung zu schwinden. Wie es ausgeht, will ich hier nicht verraten, sonst lohnt sich für manchen vielleicht die Lektüre nicht mehr.
Was Abbas Khider in diesem Buch (wieder) gelingt, ist die Beschreibung des Lebens der Menschen und das Halten der Spannung der Geschichte bis zur letzten Seite.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Abbas Khider „Die Orangen des Präsidenten“

„Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch „Glückstränen“.“ So beginnt dieses Buch von Abbas Khider. Sein erstes. Er beschreibt darin das Leben eines jungen Mannes im Irak. Mahdi Muhsin wird am Tag seiner Abiturprüfung vom irakischen Geheimdienst verhaftet. Zwei Jahre verbringt er im Gefängnis, abgeschnitten von allem Leben unter schrecklichsten Bedingungen. Khider beschreibt diese Zeit so eindrücklich, dass ich froh war, dass er die Gefängnis- Kapitel abwechselte mit jenen, in denen er den Lebensweg des Jungen bis zum Zeitpunkt der Verhaftung erzählt, von seiner Kindheit, seiner Freundschaft zu einem Taubenzüchter, der seine Liebe zu den Tauben weckt… Der Junge hat es nicht leicht gehabt und nun wird er grundlos verhaftet und es werden ihm zwei Jahre seines jungen Lebens nicht nur gestohlen, sondern zur Hölle gemacht.

Dienstag, 27. Oktober 2015

J. Courtney Sullivan „Die Verlobungen“

Mary Frances Gerety kreierte in den vierziger Jahren den Werbespruch
„A Diamant is forever“. Sie war Texterin bei N. W. Ayer & Son, einer US- amerikanischen Werbeagentur, deren bester Kunde über Jahrzehnte De Beers war. De Beers, die Firma, die Diamanten fördert und vertreibt. Frances hat mit jenem Werbespruch den Verkauf von Diamanten in den USA deutlich in die Höhe getrieben. Und sie hatte den Wunsch vieler Frauen, den Wunsch, den sie selbst nie hegte, jenen nach Heirat und ewiger Liebe, mit dem Wunsch nach einem Diamanten verbunden.
1999, kurz vor Frances Tod, wurde dieser Spruch zum Slogan des Jahrhunderts ernannt. Damit hatte die Zeit ihres Lebens unabhängige und unverheiratete Mary Frances Gerety nicht gerechnet, als sie eines Nachts den Spruch erdachte. 

J. Courtney Sullivan beschreibt jedoch in diesem Buch nicht nur das Leben und die Arbeit von Frances Gerety. Sie verbindet diese Lebensgeschichte mit denen vierer Paare. Fünf Lebensgeschichten. Welche Verbindung haben diese Menschen miteinander? Es erschließt sich zunächst nicht. Man ahnt es zunehmend. Sicher ist man jedoch erst ganz am Ende. 
Darüber hinaus regt die Lektüre dieses Buches dazu an, über Diamanten, deren Produktion und Bedeutung nachzudenken sowie darüber, wie sehr die Werbung unsere Wünsche steuert. Aber auch die Rolle der Frau und der Sinn oder Unsinn der Institution Ehe wird in den Geschichten thematisiert. 

Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“

Ein emeritierter Professor mit viel Zeit, ungewohnt viel Zeit. Flüchtlinge aus verschiedenen afrikanischen Ländern, ebenfalls mit Zeit, viel Zeit. Der Professor nähert sich ihnen an. Er befragt sie zunächst nach ihrem Leben, ihrem Weg bis in diese Unterkunft in einem Berliner Vorort. Er sinnt nach über das Verhältnis des Menschen zur Zeit. In seinem Fall, aber auch im Falle dieser jungen Männer, die den ganzen Tag nichts tun dürfen, als zu warten…

Ohne zu werten, beschreibt Jenny Erpenbeck die Entwicklung der Beziehung zwischen dem Professor und den jungen Afrikanern. Sie erzählt deren Lebensgeschichten und zeichnet ihre Gedanken auf, die des Alten und die der Jungen. Es ist ein leises Buch, eines, das nachdenklich macht. Ich legte es immer mal beiseite, weil in meinem Kopf die Gedanken sich verselbständigten und von der Geschichte weg in meine eigene Vergangenheit und die mich umgebende Realität wanderten.
Die Fragen danach, was ein Mensch ist, was Zeit, welchen Wert die Erinnerung hat, was Freundschaft bedeutet, wirft Jenny Erpenbeck in diesem Buch ebenso auf, wie die Bedeutung von Sprache als Mittel der Verständigung, aber auch als Ursache von Missverständnissen.
Es ist ein leises Buch, eines, das langsam, aber unaufhaltsam auf- und anregt.


Es war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert… und hat ihn nicht bekommen. Ich habe versucht, das zu verstehen und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass das Thema des Buches wohl zu aktuell ist. Den Preis hat einer bekommen, der in seinem Buch versucht, die Entstehungsgeschichte der RAF zu erklären. Ich habe es noch nicht gelesen. Sicher ist es auch ein gutes Buch. Aber es behandelt eben ein Thema, das lange zurück liegt. Da ist man auf der sicheren Seite. Da sticht man nicht womöglich in Wespennester. Da muss man keine Stellung beziehen, die womöglich irgendjemandem nicht gefallen könnte. Hätte „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck den Preis bekommen, hätten die Juroren sich aktuell- politisch positioniert. Für Menschlichkeit. Für eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Schade, dass sie diese Chance vertan haben!

Montag, 30. März 2015

Ken Follett „Die Säulen der Erde“ und „Die Tore der Welt“

Diese Mittelalterromane von Ken Follett schildern eindrucksvoll die unglaubliche Armut, den Hunger, den Kampf ums Überleben des einfachen Menschen aus dem Volk. Die Gedanken, die sich die Erbauer der großen Kathedralen machten, der Idealismus und Enthusiasmus, der ihre Arbeit vorantrieb, ist so lebensnah beschrieben, wie die Gewalt, die Grausamkeit und das Spiel von Macht und Intrigen, das zu dieser Zeit das Leben der Menschen bestimmte.
Auch in diesen Büchern gelingt es Ken Follett wieder, den Leser in seinen Bann zu ziehen, indem er historische Ereignisse mit den Schicksalen einzelner Menschen verwebt.
Das Leben des einfachen Menschen hing in jener Zeit so sehr von den Mächtigen ab, dass es mich oft unglaublich aufregte. Diese völlige Hilflosigkeit gegenüber der Willkür des Lehnsherrn, die Rücksichtslosigkeit und Gewalt, der die Menschen ausgesetzt waren und die sie sich gegenseitig antaten, erschütterte mich zutiefst, auch wenn ich natürlich davon gehört hatte. Darüber aber zu lesen in einem Roman, mit dessen Figuren ich fühlte, stellte eine Erfahrung von Geschichte dar, wie sie ein noch so guter Geschichtsunterricht wohl kaum vermitteln kann.
Deutlich wird in diesen beiden Romanen aber auch, wie viel Macht das Volk hat und wie viel sich zum Guten wenden kann, wenn sich Menschen, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben, zusammenschließen und klug und entschlossen handeln.

Sonntag, 21. September 2014

Jojo Moyes „Ein ganzes halbes Jahr“

Innerhalb kurzer Zeit habe ich alle drei Bücher von Jojo Moyes gelesen. Sie schreibt fesselnd. Jede Figur stand deutlich vor meinem geistigen Auge, ich fühlte mit, egal ob sie sich freuten oder litten. Auch bei diesen Büchern gelang es mir abends wieder oft nicht aufzuhören, ein Ende zu finden, da es irgendwie immer spannend war.

„Ein ganzes halbes Jahr“ beschreibt im Wesentlichen zwei Probleme. Zum einen geht es darum, bis zu welchem Grad der Einschränkung und Abhängigkeit von anderen ein Leben noch lebenswert bleibt. Zum anderen geht es um die Frage, ob Selbsttötung und Sterbehilfe in manchen Fällen verständlich sind oder sogar, im Falle der Sterbehilfe, von Menschlichkeit zeugen.
Eingebettet ist das Ganze in eine Liebesgeschichte… aber dazu weiter unten mehr.

Freitag, 15. August 2014

Susanne Preusker „Die Verwahrten“

Es geht um die Sicherungsverwahrung. Das Thema ist umstritten. Es berührt einen sensiblen Bereich menschlicher Gesellschaften.