Samstag, 17. Juli 2021

Regina Scheer „Machandel“

Dieses Buch las ich schon vor einiger Zeit und als ich nun darüber schreiben wollte, blätterte ich noch einmal darin… und las mich erneut fest daran. Nicht dass ich mich nicht mehr an den Inhalt erinnert hätte, aber die Geschichte zog mich wieder in ihren Bann. Und natürlich wusste ich nicht mehr jedes Detail. Das war ja der Grund, warum ich dieses Blog vor sieben Jahren einrichtete. Ich lese viel und tauche mit Begeisterung in die Geschichten ein. Aber wenn eine Zeit vergangen ist, dann weiß ich entweder den Namen des/ der Autor_in nicht mehr oder der Titel fällt mir nicht ein oder ich erinnere wesentliche Details nur noch ungenau. Aufgrund einer beruflichen Veränderung kam ich in den vergangenen vier Jahren kaum noch dazu, über die Bücher zu schreiben, die ich las- immerhin das Lesen konnte ich mir trotz der vielen Arbeit erhalten J

Doch nun habe ich mir vorgenommen, wieder öfter zu schreiben und eben auch über Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren las und über die ich noch nicht schrieb.

Nun also zu „Machandel“. Der Titel ist gleichzeitig auch der- fiktive- Name eines Dorfes im Norden des Landes Brandenburg. In diesem Dorf entdeckt eine junge Frau, Clara, im Jahr 1985 eine verfallene Kate. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael, beginnt sie, diese herzurichten und bewohnbar zu machen. Ein Refugium entsteht. 

In den Ort kam Clara, weil sie ihren älteren Bruder Jan begleitete. Der hatte in Machandel seine Kinderjahre bis zur Einschulung verbracht und wollte sich von dem Dorf verabschieden. Er hatte einen Ausreiseantrag gestellt und würde am nächsten Tag die DDR verlassen.

Regina Scheer erzählt in ihrem Roman von den letzten Jahren der DDR, von der Bürgerrechtsbewegung, aber auch von der Zeit des zweiten Weltkrieges, von Flucht und Vertreibung und vom Schweigen, wie es in vielen Familien existiert. Mit einem Zitat des jüdischen Gelehrten Rabbi Israel ben Elieser macht Regina Scheer den Grundton des Buches deutlich: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Donnerstag, 15. Juli 2021

Juli Zeh „Über Menschen“

Jochen, der Rochen ist eine Hündin, Dora, heißt so (behauptet sie mal eben kurz), weil ihr Haus in Dorfrandlage liegt und ein Dorfnazi ist Doras rechter Nachbar- echt jetzt!

Dora, eine Werbetexterin kauft sich ein Haus in der Prignitz und zieht zu Corona- Zeiten aus Berlin dorthin. In Berlin lebte sie mit ihrem Freund in einer Altbauwohnung, nun lebt sie allein im Nirgendwo. In einem Ort, in dem es weder einen Supermarkt, noch einen Bäcker oder sonst irgendeinen Laden gibt. Bald wird ihr klar, dass es kein „Schwarz- Weiß“ gibt, dass die Gewissheiten, mit denen sie bisher lebte, sich in diesem kleinen Dorf auflösen wie Zucker im Kaffee. 

Wenn der Nachbar zur Rechten, nicht nur rechts von einem wohnt, sondern auch ein bekennender Neonazi ist, wenn der Nachbar gegenüber von „Pflanzkanacken“ spricht und damit die Erntehelfer meint… kann man dann mit denen überhaupt reden? Ja, kann man an so einem Ort überhaupt leben? Da muss man sich doch abgrenzen! Aber so einfach ist das Leben eben nicht. Das macht Juli Zeh in ihrem Buch so wunderbar deutlich. 

Sie lässt uns teilhaben an der Wandlung, die in der Werbetexterin Dora vor sich geht und bewirkt durch ihren Schreibstil, dass man sich beim Lesen selbst hinterfragt- jedenfalls ging mir das so.

Es geht in diesem Buch um Stadt und Land, um Nazi und Gutmensch, um Corona, um Arbeit und Burnout, und bei all dem letztlich um Menschlichkeit. Wie gehen wir miteinander um, wann ist der Mensch ein Mensch etc.

 

In Bezug auf die Corona- Krise lässt die Autorin Dora an einer Stelle sagen, was für das Leben insgesamt gilt:

„Meistens besteht das Leben aus Trial an Error, und der Mensch kann viel weniger begreifen und kontrollieren, als er glaubt.“

 

Und an einer anderen Stelle allgemeiner/ die gesellschaftliche Situation betreffend: „Die Tragik unserer Epoche,…, besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

 

Dieses Buch ist hochaktuell, witzig, nachdenklich und relativiert so manche Hysterie unserer Zeit.

 

 

 

 

Mittwoch, 30. Dezember 2020

David Grossman „Was Nina wusste“

„Vera ist, wie jeden Morgen, schon früh aus dem Haus gegangen, ihre ‚Alten‘ besuchen, die übrigens alle ein paar Jährchen jünger sind als sie. Die wird sie mit ihrer aufmüpfigen Lebensfreude betäuben… Danach wird sie mit zusammengepressten Lippen und energischen Armbewegungen, die enge rosa Badekappe auf dem Kopf, dreißigmal um das Schwimmbecken herumlaufen und dann auf ihrem Seniorenscooter zum Kibbuzfriedhof düsen- das Gesicht dicht an der Windschutzscheibe, den Po in der Luft, eine Lebensgefahr für jeden, der um diese Uhrzeit im Kibbuz unterwegs ist.“

 

Dieses Zitat macht den Ton deutlich, in dem dieses Buch geschrieben ist. Immer wieder musste ich lächeln. Dabei geht es auch um Krieg, Folter, Vertreibung, Tod von nahen Menschen und darum, was das Schweigen mit den Menschen macht, die davon betroffen sind. Diejenigen, die schweigen und diejenigen, denen das Schweigen begegnet. In erster Linie erzählt uns David Grossman aber die Geschichte von Vera, Nina, Rafi und Gili. Dieses Buch zu lesen und an vielen Stelle zu lächeln, an manchen zu weinen ist, wie es eben ist, das Leben. Es gibt Tragödien, aber es gibt auch Glücksmomente und manchmal ist beides nah beieinander. Und manchmal gelingt es, die Tragödien zu ertragen/ ertragbar zu machen, in ein anderes Licht zu rücken… wie auch immer… wenn man einem Menschen wie Vera begegnet, der pragmatisch, aber mit einem großen Herzen handelt.

 

Vera hat gerade ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert, als ihre Tochter Nina wieder auftaucht. Nina, die Mutter ihrer Enkelin Gili. So beginnt der Roman. David Grossman lässt Gili, die Enkeltochter, die bei ihrem Vater Rafi aufwuchs, weil ihre Mutter irgendwann verschwand, die Geschichte erzählen. Rafi drehte Filme, Gili trat in seine Fußstapfen. Die beiden beschließen, mit Nina und Vera in deren Geburtsland zu fahren und dabei Vera ihre Lebensgeschichte erzählen zu lassen. Für Nina. Für Gili. Und alles aufgenommen mit einer alten Sony- Handkamera.