Samstag, 16. Juli 2022

Susanne Abel „Stay away from Gretchen” und „Was ich nie gesagt habe- Gretchens Schicksalsfamilie“

Heute schreibe ich wieder über zwei Bücher. Wieder wusste ich nicht, als ich 2021 das erste Buch las, dass es eine Fortsetzung geben würde, auch wenn diese am Ende irgendwie angelegt war…

Jedenfalls sind beide Bücher sehr lesenswert und entsprechen meinem Interesse an der Verbindung von Gegenwart und Geschichte in einem Roman.

 

In “Stay away from Gretchen“ geht es um Tom Monderath, einen erfolgreichen Fernsehmoderator, einigermaßen arrogant und nicht besonders sympathisch, der sich plötzlich mit der Alzheimer- Erkrankung seiner Mutter konfrontiert sieht. Durch diese Erkrankung macht sie Äußerungen, die ihn aufhorchen lassen und nach und nach kommt er zu der Erkenntnis, dass er eine Halbschwester hat, von der seine Mutter niemals sprach. In Rückblenden wird von der Flucht der Mutter am Ende des zweiten Weltkrieges erzählt, von ihrer Verbundenheit mit dem Großvater, mit dem sie floh, von der Zeit der Not, des Schwarzmarktes, des immer gerade- so- Überlebens. Und von Gretchens erster und einziger großer Liebe zu einem amerikanischen GI. Susanne Abel erzählt so, dass ich immer weiterlesen wollte, ich lachte, fieberte und litt mit den Protagonisten und mir wurde wieder bewusst, in welcher unglaublichen Freiheit wir leben. Welche Entscheidungen wir treffen dürfen, die damals jungen Frauen nicht möglich waren. 

Im Laufe der Recherche nach seiner Halbschwester, verändert sich Tom Monderath. Er wird sympathischer und man versteht immer mehr, wie sehr seine Arroganz auch ein Schutzpanzer war, den er sich zulegte, um das Leid seiner Mutter, die an Depressionen litt, nicht zu sehr spüren zu müssen. Gegen Ende des Romans gibt er über eine Internetseite eine DNA- Analyse in Auftrag, um feststellen zu können, ob die Person, die er fand, tatsächlich seine Halbschwester ist. Im Ergebnis erhält er zwei weitere Übereinstimmungen zu anderen, männlichen, Personen, die er aber zunächst ignoriert.

 

Und damit beginnt dann das zweite Buch. Einer der Männer, Henk aus den Niederlanden, mit denen es laut DNA- Analyse Übereinstimmungen gab, hat sich bei Tom gemeldet und möchte ihn gern treffen. In diesem Fall besteht die Übereinstimmung mit dem Vater von Tom. Im Laufe dieses zweiten Romans lernen die beiden sich kennen und staunen über die Gemeinsamkeiten, die sie haben, obwohl sie „nur“ die Gene gemeinsam haben. Sie haben nichts voneinander gewusst, sind sich zuvor nie begegnet, hatten keinerlei Umgang mit Personen, die sie beide kannten und doch verhalten sich Henk und Tom in manchen Situationen genauso wie der andere. 

In diesem zweiten Roman wird in Rückblenden das Leben des Vaters von Tom erzählt. Auch hier wird das Drama des zweiten Weltkrieges und des verbrecherischen Systems, das ihn angezettelt hat, sehr deutlich beschrieben. Wie es in jede Familie hineinwirkte, welche tiefen Verletzungen es hinterließ und welche Auswirkungen das Schweigen über die Ursachen der immer noch sichtbaren Narben auf die nachfolgenden Generationen hat…

Es geht aber auch um die Anfänge der künstlichen Befruchtung und um das Gegenteil- die Verhütung von Schwangerschaften. Da die Forschung dazu in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte besonders vorangetrieben und unmenschliche Methoden angewandt wurden, lassen die Rückblenden, in denen das Leben des Vaters von Tom erzählt wird, Einblicke in jene Zeit zu, an die sich so manch einer nach wie vor nicht erinnern will. 

Susanne Abel stellt diesem Roman wohl darum auch ein Zitat voran:

 

„Es gibt keine Geheimnisse, die die Zeit nicht irgendwann offenbart.“

(Jean Racine, Britannicus, 1669)

 

Und sie schreibt im Nachwort: „Über das Wesentliche nicht reden zu können aus Angst, das Gesagte würde das brüchige Fundament ins Wanken bringen, zieht sich durch beide Zeitebenen meines Romans. Die zerstörerische Sprengkraft des Schweigens ist mir bestens vertraut. Doch ich weiß: Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg. So oder so!“

 

Es gibt wohl kaum eine Familie, in der es nicht irgendein Geheimnis gibt. Sicher haben nicht alle diese Geheimnisse diese Dimension, wie in den beiden Gretchen- Romanen von Susanne Abel, aber sie wirken… kurioserweise wirkt besonders das, was verschwiegen wird. Es ist mir ein Rätsel, wie das funktioniert, aber es gibt ja schon einige Forschung dazu… Ganz offensichtlich wird doch viel mehr in den Genen weitergegeben, auf das dann die Umwelt nur bedingt Einfluss hat… aber das wäre ein Thema für einen eigenen Text, den ich vielleicht irgendwann schreibe, wenn ich mehr dazu recherchiert habe… 

 

 

Sonntag, 10. Juli 2022

Neil Alexander „Die geheimnisvollen Briefe der Margaret Small

Das erste Urlaubsbuch in diesem Jahr und schon ausgelesen! Na, gut, ich hatte bereits vor ein paar Tagen begonnen, darin zu lesen, aber gestern nach meiner Ankunft in der blauen Pause, die mein Feriendomizil für die kommenden drei Wochen sein wird, und heute den ganzen Tag, tat ich nicht viel mehr, als zu lesen  Welch ein Genuss! Nun will ich aber auch endlich wieder beginnen, über die Bücher zu schreiben, die ich lese, weshalb ich gleich damit anfange.

Margaret wird 1947, im Alter von sieben Jahren, in ein Kinderheim gebracht, das eher eine Klinik ist. Dort bleibt sie, bis sich irgendwann die Zeiten ändern und Menschen wie ihr endlich auch ein eigenständiges Leben zugetraut und zugestanden wird. Da ist sie dann schon vierzig Jahre alt. Heute würde man sagen, Margaret hat Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung. Damals galt sie als behindert und man meinte, der Gesellschaft solche Menschen, selbst deren Anblick, nicht zumuten zu können. Sie wurden weggesperrt und dort, wo sie waren, nicht freundlich, eher häufig menschenunwürdig, behandelt. Ihr Leben galt nichts und wenn eine/r von ihnen starb, war es auch nicht schlimm. So grausam das klingt, war es leider.

 

Neil Alexander erzählt die Geschichte der fiktiven Margaret Small stellvertretend für die vielen Menschen, die auf die eben beschriebene Weise für die Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden.

Die Kapitel wechseln zwischen Margarets Alltag als über Siebzigjährige und ihrer Zeit als Kind und junge Erwachsene in der Klinik. Die Tatsache, dass der Autor die Protagonistin aus der Ich- Perspektive erzählen lässt, bringt sie dem Leser besonders nahe… und verdeutlicht, wie arrogant die Haltung derer ist, die meinen, Menschen, die irgendwelche Beeinträchtigungen haben, veralbern, beschimpfen, übersehen zu dürfen oder mit ihnen sprechen zu müssen, als würden diese nichts verstehen. 

Ich hatte sofort einige Menschen aus meinem beruflichen Umfeld im Kopf, denen ich dieses Buch empfehlen könnte. Menschen, die eben diese arrogante Haltung haben oder zumindest von Zeit zu Zeit Sprüche von sich geben, die diese Haltung zum Ausdruck bringen.

 

Auch wenn es heute inklusive Schulen gibt, wenn Kinder, denen man es früher nicht zutraute, heute lesen und schreiben lernen, ist das Thema des Buches hochaktuell. Darüber hinaus liest es sich sehr gut und ich empfehle es allen, die gern Geschichten lesen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und dabei Bezüge zu tatsächlichen Geschehnissen/ gesellschaftlichen Verhältnissen herstellen.

 

 

Sonntag, 18. Juli 2021

Daniel Speck „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road”

Ich schreibe hier über zwei Bücher in einem Beitrag, weil „Jaffa Road“ die Fortsetzung der Geschichte aus „Piccola Sicilia“ erzählt. Man kann beide Bücher auch unabhängig voneinander lesen, aber insbesondere bei „Piccola Sicilia“ bleiben dann Fragen offen. Als ich das Buch kaufte, wusste ich nicht, dass es eine unvollständige Geschichte enthält. Einmal begonnen, fiel es mir schwer, das Buch wegzulegen, aber 615 Seiten liest man nicht an einem Stück, man muss ja auch mal was essen oder trinken oder sich bewegen… Jedenfalls wusste ich am Ende des Buches, dass ich die Fortsetzung unbedingt lesen müsste, was ich nun, da das Buch erschien, auch umgehend tat.

 

Nina, eine junge Archäologin, erhält einen Anruf von einem Studienfreund, der vor der Küste Siciliens das Wrack eines deutschen Flugzeugs aus dem zweiten Weltkrieg geortet hat, das er heben will. Darin fand er eine Kamera mit eingravierten Initialen. Diese Kamera könnte Ninas Großvater, Moritz Reincke, gehört haben, der als Fotograf der Wehrmacht in Tunis stationiert war und nie zurückgekehrt ist. Ihre Großmutter Fanny, mit der er sich verlobt hatte, war schwanger, als er in den Einsatz ging. Seine Tochter Anita hat er nie kennengelernt. Seine Enkeltochter Nina hatte nie erschöpfende Antworten auf ihre Fragen nach dem Großvater erhalten. Obwohl oder gerade weil Nina gerade die Trennung von ihrem Ehemann verarbeiten muss, begibt sie sich nach Sizilien, um Patrice bei seiner Arbeit zu helfen.

Vor Ort lernt sie Joëlle Sarfati kennen, die behauptet, die Tochter von Ninas Großvater zu sein. Nina ist verwirrt und fragt sich: „Wenn das Fundament, auf dem die eigene Welt gebaut ist, nicht der Wahrheit entspricht, wie leicht ist man dann zu erschüttern?“ Auch Joëlle ist verwirrt, war sie doch der Meinung, dass Maurice, wie Moritz für sie hieß, zurück nach Deutschland gegangen war und dort mit seiner „anderen“ Familie gelebt hätte. Sie ist überzeugt davon, dass Moritz‘ Überreste in dem Wrack nicht zu finden sein werden, sondern dass er noch lebt, auch jetzt noch. Ein alter Mann, der mehrere Leben lebte und dessen Gegenwart sie zu spüren meint. 

 

In „Piccola Sicilia“ erzählt Daniel Speck, die Lebensgeschichten von Moritz Reincke, Nina und Joëlle. Die Geschichte von Moritz Reincke endet in diesem Buch kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Moritz flieht mit Joëlles Mutter Yasmina, einer Jüdin, und Joëlle nach Palästina. 

In „Jaffa Road“ wird dann sein weiteres Leben erzählt und es stellt sich heraus, dass Joëlle mit ihrer Vermutung, er würde noch leben, recht hatte. Dieses zweite Buch kann man auch lesen, ohne das erste zu kennen, da entsprechende Bezüge hergestellt werden. Aber umfassender ist es natürlich beide zu lesen.