Samstag, 16. Januar 2016

Harry Mulisch „Die Entdeckung des Himmels“

Achthundertsiebenundsechzig Seiten, die es in sich haben. Kein Buch zum nebenbei lesen. Harry Mulisch verbindet Wissenschaft und Religion mit Teilen seiner eigenen Geschichte zu einem intensiven, teilweise mystischen Roman. Die Hauptfiguren Onno Quist und Max Delius liefern sich Wortgefechte, denen man atemlos folgt. Sie sprühen von Intelligenz, sprachlicher Gewandtheit und Wortwitz. Onno Quist ist Sprachwissenschaftler, Max Delius Astronom. Beide sind nicht nur Meister ihres Faches, sondern verfügen auch über ein umfangreiches Allgemeinwissen, das sie in diese Dialoge einbringen.
Die Rahmenhandlung ist ein Gespräch zwischen zwei Wesen, die für den „Chef“ in einem fiktiven Raum arbeiten. Von dort aus beobachten und lenken sie das Leben der Menschen. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik und die daraus folgende Abkehr des Menschen vom Glauben schreiben sie dem Einfluss des Teufels zu. Im Grunde ist es eine dieser beiden Figuren, die die Geschichte dem anderen erzählt, denn einer dieser beiden hat dafür gesorgt, dass sich Max und Onno begegnen und dass in ihrem Leben geschieht, was geschehen soll. Warum die beiden einander begegnen mussten, wurde mir bis zum Ende nicht vollständig klar. Vielleicht, weil Onnos Sprachwissen am Ende gebraucht wurde? Aber wozu dann Max?
Der Sohn von Onno oder mit großer Wahrscheinlichkeit der von Max, Quinten Quist genannt, wurde von den Wesen in jenem Raum einzig auf die Welt gebracht, damit er ihnen diene und einen Auftrag für sie erfülle. Am Ende des Romans verschwindet er. Dieses Ende fand ich ein wenig zu mystisch. Quinten wurde zwar per Kaiserschnitt entbunden, da seine Mutter im Koma lag, was ungewöhnlich ist, aber er wurde doch auf natürliche Weise gezeugt. Dass er die Welt auf so unerklärliche Weise verlässt, empfand ich als etwas unbefriedigend.
Dem Gespräch der Wesen zufolge ist Quinten Max‘ Sohn. Onno jedoch geht davon aus, dass Quinten sein Sohn ist. Das war auch so eine Stelle, die mir unklar blieb: warum musste Max der Vater sein, aber Onno glauben, dass er es sei? Ein weiterer Teil der Geschichte, Max Nachforschungen in Bezug auf seine Eltern- seine Mutter Jüdin, sein Vater niederländischer Kollaborateur der Nazis- sowie Max Besuch in Auschwitz, hatten aus meiner Sicht nicht zwingend mit der eigentlichen Geschichte zu tun, sondern eher mit Mulischs eigenem Leben. 

Ich brauchte eine ganze Weile, um in den Roman „hineinzukommen“. Letztlich bin ich jedoch froh, ihn gelesen zu haben. An manchen Stellen musste ich im Netz recherchieren, weil mir das Wissen fehlte, um den Gesprächen zwischen Onno und Max zu folgen. An anderen Stellen, vor allem, wenn Max über die Astronomie, die Radioteleskope oder das Universum sprach, verließ mich dieser Ehrgeiz und ich las einfach „drüber“- mein Interesse für diesen Bereich hält sich in Grenzen. Ähnlich ging es mir auch mit manchen Ausführungen über Architektur, die Mulisch insbesondere während des Aufenthaltes seiner Figuren in Rom macht. 

Manchmal dachte ich bei der Lektüre: Wie kann ein Mensch so viel wissen und das in einen einzigen Roman packen? Im Grunde müsste man sich ein Jahr Zeit nehmen, um dieses Buch zu lesen, müsste pausieren und nachforschen, um Mulischs vielfältigen Ausflügen in Architektur- und Religionsgeschichte, in die Astronomie, Architektur und Sprachwissenschaft gänzlich folgen zu können. Aber gut. Es geht ja nicht darum, alles zu wissen, manchmal ist es auch gut, an seine Grenzen zu stoßen und durch die Lektüre eines wirklich guten Romans angeregt zu werden, sich mit bestimmten Dingen intensiver auseinanderzusetzen oder hier und da tiefer in die Materie einzutauchen.

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