Achthundertsiebenundsechzig
Seiten, die es in sich haben. Kein Buch zum nebenbei lesen. Harry Mulisch
verbindet Wissenschaft und Religion mit Teilen seiner eigenen Geschichte zu
einem intensiven, teilweise mystischen Roman. Die Hauptfiguren Onno Quist und
Max Delius liefern sich Wortgefechte, denen man atemlos folgt. Sie sprühen von Intelligenz,
sprachlicher Gewandtheit und Wortwitz. Onno Quist ist Sprachwissenschaftler,
Max Delius Astronom. Beide sind nicht nur Meister ihres Faches, sondern
verfügen auch über ein umfangreiches Allgemeinwissen, das sie in diese Dialoge
einbringen.
Der
Sohn von Onno oder mit großer Wahrscheinlichkeit der von Max, Quinten Quist
genannt, wurde von den Wesen in jenem Raum einzig auf die Welt gebracht, damit
er ihnen diene und einen Auftrag für sie erfülle. Am Ende des Romans
verschwindet er. Dieses Ende fand ich ein wenig zu mystisch. Quinten wurde zwar
per Kaiserschnitt entbunden, da seine Mutter im Koma lag, was ungewöhnlich ist,
aber er wurde doch auf natürliche Weise gezeugt. Dass er die Welt auf so
unerklärliche Weise verlässt, empfand ich als etwas unbefriedigend.
Dem
Gespräch der Wesen zufolge ist Quinten Max‘ Sohn. Onno jedoch geht davon aus,
dass Quinten sein Sohn ist. Das war auch so eine Stelle, die mir unklar blieb:
warum musste Max der Vater sein, aber Onno glauben, dass er es sei? Ein weiterer Teil der Geschichte, Max Nachforschungen in Bezug auf seine Eltern- seine Mutter Jüdin, sein Vater niederländischer Kollaborateur der Nazis- sowie Max Besuch in Auschwitz, hatten aus meiner Sicht nicht zwingend mit der eigentlichen Geschichte zu tun, sondern eher mit Mulischs eigenem Leben.
Ich
brauchte eine ganze Weile, um in den Roman „hineinzukommen“. Letztlich bin ich
jedoch froh, ihn gelesen zu haben. An manchen Stellen musste ich im Netz
recherchieren, weil mir das Wissen fehlte, um den Gesprächen zwischen Onno und
Max zu folgen. An anderen Stellen, vor allem, wenn Max über die Astronomie, die
Radioteleskope oder das Universum sprach, verließ mich dieser Ehrgeiz und ich
las einfach „drüber“- mein
Interesse für diesen Bereich hält sich in Grenzen. Ähnlich ging es mir auch mit manchen
Ausführungen über Architektur, die Mulisch insbesondere während des
Aufenthaltes seiner Figuren in Rom macht.
Manchmal dachte ich bei der Lektüre: Wie
kann ein Mensch so viel wissen und das in einen einzigen Roman packen? Im
Grunde müsste man sich ein Jahr Zeit nehmen, um dieses Buch zu lesen, müsste pausieren und nachforschen, um Mulischs vielfältigen Ausflügen
in Architektur- und Religionsgeschichte, in die Astronomie, Architektur und
Sprachwissenschaft gänzlich folgen zu können. Aber gut. Es geht ja nicht darum,
alles zu wissen, manchmal ist es auch gut, an seine Grenzen zu stoßen und durch
die Lektüre eines wirklich guten Romans angeregt zu werden, sich mit bestimmten
Dingen intensiver auseinanderzusetzen oder hier und da tiefer in die Materie
einzutauchen.
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