Donnerstag, 18. August 2022

Helen Cullen „Der Riss, durch den Licht eindringt“

Ich mag Romane, die in Irland spielen. Sie sind meistens geprägt von der grünen, aber rauen Landschaft, die die Menschen beeinflusst und eine gewisse Melancholie darin mitschwingen lässt.

So auch in diesem Roman. Auf dem rückseitigen Deckel ist die Aussage der Autorin Emma Flint abgedruckt: „… Dieses Buch ist einfach unfassbar schön.“ Dem stimme ich zu, allerdings mit der Einschränkung, dass es aus meiner Sicht auch unglaublich traurig ist.

 

Beschrieben wird die Liebes- und Lebensgeschichte von Maeve und Murtagh Moone, die sich in jungen Jahren kennen- und lieben lernen. Murtagh ist Töpfer und übernimmt eine Töpferei auf der Insel Inis Óg, weshalb beide dorthin übersiedeln. Eine Tochter kündigt sich an, Zwillingsjungen folgen und schließlich ein weiteres Mädchen. Viele Glücksmomente werden geschildert, aber auch die dunklen Stunden, die sicher in vielen Familien kommen und gehen… Aber in dieser Familie haben die dunklen Stunden die Ursache vor allem in der Angsterkrankung von Maeve, der Mutter. 

Angsterkrankungen gehören, glaube ich, zu den Störungen, die am schwersten von Mitmenschen nachvollzogen werden können. Niemand kann sich das wirklich vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Es ist ja von außen nicht sichtbar und selbst wenn die Betroffenen sich nahen Menschen anvertrauen, wie Maeve sich Murtagh anvertraut, sind die Phasen der Starre, in die sie fallen, nur schwer auszuhalten, von den Erkrankten so wenig, wie vom unmittelbaren Umfeld.

 

Dass Maeve irgendwann entscheidet, diesem Leiden ein Ende zu bereiten, belastet die Familie massiv- wie sollte es auch anders sein. Ein Mensch hat entschieden zu gehen. Das allein ist schon kaum zu ertragen. Wie groß ist aber erst der Schmerz, wenn es die über alles geliebte Gefährtin und Mutter der Kinder ist! Ich habe heftig geweint…

 

Doch trotz der Trauer, die ich empfand, ist es doch ein wundervolles Buch, geschrieben in einer poetischen Sprache, die den Leser das Leben der Moones miterleben lässt, ihn mit ihnen lachen, leben und leiden lässt.

 

In einem Jahr fahren Murtagh und seine vier Kinder zu den Großeltern nach Boston, zu Maeves Eltern. Dort gibt es ein Gespräch zwischen Maeves Mutter June und Murtagh, aus dem ich hier zum Abschluss dieses Beitrags kurz zitieren möchte:

 

„ ‚Die Vergangenheit lässt sich mit hätte, wäre, wenn neu schreiben, aber du hast es so gut gemacht, wie du konntest. Genau wie Maeve. Jeder denkt, es sei immer noch Zeit genug, alles besser hinzukriegen.‘ ‚Bis die Zeit mit einem Mal vorbei ist.‘…“

Montag, 18. Juli 2022

Bernhard Schlink „Die Enkelin“

Wieder ein Buch von Bernhard Schlink. Auch hier genoss ich wieder die nachdenkliche Sprache des Autors und die genauen Beschreibungen der Protagonisten, ihres Lebensumfelds und ihrer Gefühle. 

 

Kaspar, ein Buchhändler mit eigenem Buchladen, betrauert den Tod seiner Frau Birgit. Sie hatte vor einigen Jahren begonnen zu schreiben und Kaspar erklärt, sie arbeite an einem Roman. Ihre Schreibstube wagt er zunächst nicht zu betreten, zumindest nicht zu sortieren/ durchzusehen. Er war immer zurückhaltend und verständnisvoll, vorsichtig auch, im Umgang mit seiner Frau. Sie hatte getrunken, zu viel, zu oft, litt unter Depressionen, wollte sich nicht behandeln lassen… er hoffte immer, das Schreiben könnte ihr helfen, könnte heilend wirken.

 

Dann kommt ein Brief von einem Verlag, in dem der Verlagsleiter von Gedichten und von einem Roman- Manuskript spricht. Kaspar ist verletzt. Von Gedichten weiß er nichts und dass sie einen Roman schreiben will, ja, das sagte Birgit, aber nichts Konkretes… Der Verlagsleiter scheint mehr zu wissen, als er und das tut ihm weh. 

 

Immer wieder vergehen Wochen, ehe Kaspar den nächsten Schritt macht. Irgendwann lässt er den Laptop reparieren und als das nicht wirklich gelingt, lässt er sich wenigstens alles ausdrucken, was noch wiederherstellbar ist. Und er beginnt zu lesen. 

 

Ein Roman ist es noch nicht. Eher die Lebensgeschichte von Birgit. Der Entwurf für das, was sie einmal ihren Roman nennen will. 

Kaspar liest diesen Entwurf. Birgit, die in der DDR aufwuchs und 1965 mit Kaspars Hilfe in den Westen flüchtet. 

Dass sie kurz vor der Flucht ein Kind zur Welt brachte, wusste Kaspar nicht. Er erfährt aus dem Text, dass sie das Kind damals nicht wollte, dass sie nun aber, viele Jahre später, den Vorsatz hatte, sich auf die Suche nach ihrer Tochter zu machen. Das Schreiben sollte helfen, die Angst davor, das schlechte Gewissen auch, zu verdrängen. Aber sie ging nicht auf die Suche. Das wird Kaspar während der Lektüre klar. Sollte er diesen Wunsch, den sie hatte, nun in die Tat umsetzen? Sollte er sich auf die Suche machen?

 

Wieder vergehen Wochen, bis Kaspar eine Entscheidung trifft. Er sucht und findet Birgits Tochter Svenja und deren Tochter, Sigrun. Es wäre kein Buch von Bernhard Schlink, wenn es dann einfach wäre. Wenn Kaspar alles erklären und einfach so die Rolle eines Großvaters übernehmen könnte. Wenn er eine Enkelin bekäme, obwohl sein Wunsch nach Kindern mit Birgit sich nie erfüllt hatte.

Nein, Sigrun lebt mit ihren Eltern Svenja und Björn in einer völkischen Gemeinschaft. Nach dem ersten Besuch will Kaspar sich zurückziehen. Wie soll das gehen? Zwischen seinen Werten, seiner Sicht auf die Welt und denjenigen dieser Gemeinschaft liegen Welten! Und doch lässt er sich darauf ein. Sigrun ist bereits 14 Jahre alt. Er handelt Besuchszeiten bei ihm in Berlin aus. Sie kommt zunächst im Herbst für eine Woche, dann nochmal im Frühjahr. Im Sommer verreist er mit ihr. Später gibt es einen Bruch, kein Kontakt mehr für zwei Jahre.

 

Was mich faszinierte, war die Haltung von Kaspar. Wie er mit seiner Enkelin umgeht. Wie es ihm gelingt, immer die Balance zu halten. Ihre Ansichten anzuhören, seine so zu formulieren, dass sie das Mädchen nicht bedrängen und doch etwas in ihr bewirken. 

Ich habe mich gefragt, ob ihm das so überwiegend ruhig und vorsichtig gelingt, weil er nicht der leibliche Großvater ist oder weil er einfach eine solche Persönlichkeit hat. Oder liegt es daran, dass er sie mit Abstand betrachten kann, auch wenn sie ihm nach und nach ans Herz wächst? Er ist nicht verantwortlich. Nicht er hat sie vierzehn Jahre lang im Sinne der völkischen Gemeinschaften erzogen. Er kann sich ihre Ansichten anhören und seine dagegenstellen. Er sorgt sich um sie, aber als der Kontakt abbricht, akzeptiert er das. Und als sie wieder auftaucht, Schwierigkeiten hat, hilft er ihr, akzeptiert letztlich auch jetzt die Entscheidungen, die nun sie trifft, wo zuvor die Eltern entschieden.

 

Wieder spricht Bernhard Schlink in seinem Buch zum einen den Umgang miteinander, aber auch brisante politische Themen an und gibt nebenbei einen Einblick in die (seine?) Liebe zur Musik und zur Literatur. 

 

 

 

 

 

Samstag, 16. Juli 2022

Jean- Luc Bannalec „Bretonische Nächte- Kommissar Dupins elfter Fall“

Als ich 2019 eine Rundreise unternahm, die mich über Amsterdam, Brügge, Abbeville, Guingamp, Port Manec’h und Luxemburg zurück nach Berlin führte, erhielt ich eine Buchempfehlung von einem ehemaligen Kollegen. Ich hielt mich gerade in Pont- Aven im Süden der Bretagne auf und hatte Fotos von dieser zauberhaften Stadt gepostet, da schrieb er, ob ich wüsste, dass der erste Fall von Kommissar Dupin in diesem Ort spiele. Ich wusste es nicht. Ich sah Krimis im Fernsehen, aber sie zu lesen war bisher nicht so sehr meins.

Zurück in Berlin besorgte ich mir auf diese Empfehlung hin den ersten Fall dieser Buchreihe von Jean- Luc- Bannalec „Bretonische Verhältnisse“… und ich verlängerte damit meinen Urlaub in der Bretagne, deren Gegend, Menschen, Essen… ich so sehr genossen hatte, indem ich alle Bände, die es bis dahin gab, nach und nach las.

 

Jean- Luc Bannalec schildert spannende Fälle. Durch die genaue Beschreibung der Natur, der Umgebung und der Menschen, habe ich immer das Gefühl, dabei zu sein, ebenfalls in diesem Wind zu stehen, zu fühlen, wie die Sonne auf der Haut brennt, wie das Fleur de Sel, die Austern und andere Köstlichkeiten zart auf der Zunge schmelzen, der Weißwein die Kehle hinunterrinnt oder einer der zahlreichen Espressi des Kommissars auch den eigenen Kopf erweckt… 

 

Jean- Luc Bannalec hat Charaktere entwickelt, auf die ich mich in jedem Band neu freue. Kommissar Dupin, der ewig unruhige, geniale Kopf, der Unmengen Espresso zu sich nimmt, um klar denken zu können, seine liebste Claire, die als Ärztin in Quimper arbeitet. Seine Mitarbeiterin Nolwenn und Inspektor Riwal, die als gebürtige Bretonen über ein unermessliches Wissen über die Mystik und Geschichte der Bretagne verfügen und dieses Wissen an jeder Stelle jedes Falls einbringen. Inspektor Kadeg, der in seiner Pedanterie doch liebevoll dargestellt ist und ebenfalls regelmäßig über bretonische Historie und Mystik referiert. Der Wirt des „Amiral“ in Concarneau, Dupins Lieblingsrestaurant in seiner bretonischen Lieblingsstadt, der so herrliche Gerichte zubereitet, dass man durch die Beschreibung, die der Autor zelebriert, Lust bekommt, selbst an den Herd zu gehen, ganz abgesehen davon, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft und man meint, den Geschmack der Speisen wahrzunehmen.

 

Ich hatte mir für diesen Urlaub bereits fünf Bücher gekauft und eingepackt, aber als ich beim Schlendern durch Flensburg den elften Fall des Kommissars Dupin entdeckte, musste ich ihn auch noch mitnehmen. Ich las ihn an einem Tag durch. Es war wieder so spannend und alle Sinne anregend, dass ich ihn nicht weglegen konnte, bevor nicht klar war, wie alles zusammenhing und am Ende Dupin mit seiner Claire wieder auf dem Balkon eines Hotels mit spektakulärem Ausblick aufs Meer vorzüglich speiste.

 

Die Fälle will ich hier nicht beschreiben. Viele Bände sind auch bereits verfilmt. Aber in den Filmen, von denen ich einige auch bereits sah, fehlt für mich die Sinnlichkeit, die beim Lesen der Bücher entsteht. Das Essen, die Luft und ganz nebenbei so viel Geschichte dieser französischen Region- das geht in den filmischen Umsetzungen verloren. Wer also Lust auf spannende Kriminalfälle gepaart mit einer alle Sinne anregenden Reise in die Bretagne hat, sollte die Bücher von Jean- Luc Bannalec unbedingt auf seine Leseliste setzen... und sie dann auch lesen, vor allem, wenn er/ sie mal Urlaub braucht und gerade keine lange Reise in der Realität unternehmen kann ;)

Susanne Abel „Stay away from Gretchen” und „Was ich nie gesagt habe- Gretchens Schicksalsfamilie“

Heute schreibe ich wieder über zwei Bücher. Wieder wusste ich nicht, als ich 2021 das erste Buch las, dass es eine Fortsetzung geben würde, auch wenn diese am Ende irgendwie angelegt war…

Jedenfalls sind beide Bücher sehr lesenswert und entsprechen meinem Interesse an der Verbindung von Gegenwart und Geschichte in einem Roman.

 

In “Stay away from Gretchen“ geht es um Tom Monderath, einen erfolgreichen Fernsehmoderator, einigermaßen arrogant und nicht besonders sympathisch, der sich plötzlich mit der Alzheimer- Erkrankung seiner Mutter konfrontiert sieht. Durch diese Erkrankung macht sie Äußerungen, die ihn aufhorchen lassen und nach und nach kommt er zu der Erkenntnis, dass er eine Halbschwester hat, von der seine Mutter niemals sprach. In Rückblenden wird von der Flucht der Mutter am Ende des zweiten Weltkrieges erzählt, von ihrer Verbundenheit mit dem Großvater, mit dem sie floh, von der Zeit der Not, des Schwarzmarktes, des immer gerade- so- Überlebens. Und von Gretchens erster und einziger großer Liebe zu einem amerikanischen GI. Susanne Abel erzählt so, dass ich immer weiterlesen wollte, ich lachte, fieberte und litt mit den Protagonisten und mir wurde wieder bewusst, in welcher unglaublichen Freiheit wir leben. Welche Entscheidungen wir treffen dürfen, die damals jungen Frauen nicht möglich waren. 

Im Laufe der Recherche nach seiner Halbschwester, verändert sich Tom Monderath. Er wird sympathischer und man versteht immer mehr, wie sehr seine Arroganz auch ein Schutzpanzer war, den er sich zulegte, um das Leid seiner Mutter, die an Depressionen litt, nicht zu sehr spüren zu müssen. Gegen Ende des Romans gibt er über eine Internetseite eine DNA- Analyse in Auftrag, um feststellen zu können, ob die Person, die er fand, tatsächlich seine Halbschwester ist. Im Ergebnis erhält er zwei weitere Übereinstimmungen zu anderen, männlichen, Personen, die er aber zunächst ignoriert.

 

Und damit beginnt dann das zweite Buch. Einer der Männer, Henk aus den Niederlanden, mit denen es laut DNA- Analyse Übereinstimmungen gab, hat sich bei Tom gemeldet und möchte ihn gern treffen. In diesem Fall besteht die Übereinstimmung mit dem Vater von Tom. Im Laufe dieses zweiten Romans lernen die beiden sich kennen und staunen über die Gemeinsamkeiten, die sie haben, obwohl sie „nur“ die Gene gemeinsam haben. Sie haben nichts voneinander gewusst, sind sich zuvor nie begegnet, hatten keinerlei Umgang mit Personen, die sie beide kannten und doch verhalten sich Henk und Tom in manchen Situationen genauso wie der andere. 

In diesem zweiten Roman wird in Rückblenden das Leben des Vaters von Tom erzählt. Auch hier wird das Drama des zweiten Weltkrieges und des verbrecherischen Systems, das ihn angezettelt hat, sehr deutlich beschrieben. Wie es in jede Familie hineinwirkte, welche tiefen Verletzungen es hinterließ und welche Auswirkungen das Schweigen über die Ursachen der immer noch sichtbaren Narben auf die nachfolgenden Generationen hat…

Es geht aber auch um die Anfänge der künstlichen Befruchtung und um das Gegenteil- die Verhütung von Schwangerschaften. Da die Forschung dazu in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte besonders vorangetrieben und unmenschliche Methoden angewandt wurden, lassen die Rückblenden, in denen das Leben des Vaters von Tom erzählt wird, Einblicke in jene Zeit zu, an die sich so manch einer nach wie vor nicht erinnern will. 

Susanne Abel stellt diesem Roman wohl darum auch ein Zitat voran:

 

„Es gibt keine Geheimnisse, die die Zeit nicht irgendwann offenbart.“

(Jean Racine, Britannicus, 1669)

 

Und sie schreibt im Nachwort: „Über das Wesentliche nicht reden zu können aus Angst, das Gesagte würde das brüchige Fundament ins Wanken bringen, zieht sich durch beide Zeitebenen meines Romans. Die zerstörerische Sprengkraft des Schweigens ist mir bestens vertraut. Doch ich weiß: Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg. So oder so!“

 

Es gibt wohl kaum eine Familie, in der es nicht irgendein Geheimnis gibt. Sicher haben nicht alle diese Geheimnisse diese Dimension, wie in den beiden Gretchen- Romanen von Susanne Abel, aber sie wirken… kurioserweise wirkt besonders das, was verschwiegen wird. Es ist mir ein Rätsel, wie das funktioniert, aber es gibt ja schon einige Forschung dazu… Ganz offensichtlich wird doch viel mehr in den Genen weitergegeben, auf das dann die Umwelt nur bedingt Einfluss hat… aber das wäre ein Thema für einen eigenen Text, den ich vielleicht irgendwann schreibe, wenn ich mehr dazu recherchiert habe… 

 

 

Sonntag, 10. Juli 2022

Neil Alexander „Die geheimnisvollen Briefe der Margaret Small

Das erste Urlaubsbuch in diesem Jahr und schon ausgelesen! Na, gut, ich hatte bereits vor ein paar Tagen begonnen, darin zu lesen, aber gestern nach meiner Ankunft in der blauen Pause, die mein Feriendomizil für die kommenden drei Wochen sein wird, und heute den ganzen Tag, tat ich nicht viel mehr, als zu lesen  Welch ein Genuss! Nun will ich aber auch endlich wieder beginnen, über die Bücher zu schreiben, die ich lese, weshalb ich gleich damit anfange.

Margaret wird 1947, im Alter von sieben Jahren, in ein Kinderheim gebracht, das eher eine Klinik ist. Dort bleibt sie, bis sich irgendwann die Zeiten ändern und Menschen wie ihr endlich auch ein eigenständiges Leben zugetraut und zugestanden wird. Da ist sie dann schon vierzig Jahre alt. Heute würde man sagen, Margaret hat Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung. Damals galt sie als behindert und man meinte, der Gesellschaft solche Menschen, selbst deren Anblick, nicht zumuten zu können. Sie wurden weggesperrt und dort, wo sie waren, nicht freundlich, eher häufig menschenunwürdig, behandelt. Ihr Leben galt nichts und wenn eine/r von ihnen starb, war es auch nicht schlimm. So grausam das klingt, war es leider.

 

Neil Alexander erzählt die Geschichte der fiktiven Margaret Small stellvertretend für die vielen Menschen, die auf die eben beschriebene Weise für die Gesellschaft unsichtbar gemacht wurden.

Die Kapitel wechseln zwischen Margarets Alltag als über Siebzigjährige und ihrer Zeit als Kind und junge Erwachsene in der Klinik. Die Tatsache, dass der Autor die Protagonistin aus der Ich- Perspektive erzählen lässt, bringt sie dem Leser besonders nahe… und verdeutlicht, wie arrogant die Haltung derer ist, die meinen, Menschen, die irgendwelche Beeinträchtigungen haben, veralbern, beschimpfen, übersehen zu dürfen oder mit ihnen sprechen zu müssen, als würden diese nichts verstehen. 

Ich hatte sofort einige Menschen aus meinem beruflichen Umfeld im Kopf, denen ich dieses Buch empfehlen könnte. Menschen, die eben diese arrogante Haltung haben oder zumindest von Zeit zu Zeit Sprüche von sich geben, die diese Haltung zum Ausdruck bringen.

 

Auch wenn es heute inklusive Schulen gibt, wenn Kinder, denen man es früher nicht zutraute, heute lesen und schreiben lernen, ist das Thema des Buches hochaktuell. Darüber hinaus liest es sich sehr gut und ich empfehle es allen, die gern Geschichten lesen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und dabei Bezüge zu tatsächlichen Geschehnissen/ gesellschaftlichen Verhältnissen herstellen.

 

 

Sonntag, 18. Juli 2021

Daniel Speck „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road”

Ich schreibe hier über zwei Bücher in einem Beitrag, weil „Jaffa Road“ die Fortsetzung der Geschichte aus „Piccola Sicilia“ erzählt. Man kann beide Bücher auch unabhängig voneinander lesen, aber insbesondere bei „Piccola Sicilia“ bleiben dann Fragen offen. Als ich das Buch kaufte, wusste ich nicht, dass es eine unvollständige Geschichte enthält. Einmal begonnen, fiel es mir schwer, das Buch wegzulegen, aber 615 Seiten liest man nicht an einem Stück, man muss ja auch mal was essen oder trinken oder sich bewegen… Jedenfalls wusste ich am Ende des Buches, dass ich die Fortsetzung unbedingt lesen müsste, was ich nun, da das Buch erschien, auch umgehend tat.

 

Nina, eine junge Archäologin, erhält einen Anruf von einem Studienfreund, der vor der Küste Siciliens das Wrack eines deutschen Flugzeugs aus dem zweiten Weltkrieg geortet hat, das er heben will. Darin fand er eine Kamera mit eingravierten Initialen. Diese Kamera könnte Ninas Großvater, Moritz Reincke, gehört haben, der als Fotograf der Wehrmacht in Tunis stationiert war und nie zurückgekehrt ist. Ihre Großmutter Fanny, mit der er sich verlobt hatte, war schwanger, als er in den Einsatz ging. Seine Tochter Anita hat er nie kennengelernt. Seine Enkeltochter Nina hatte nie erschöpfende Antworten auf ihre Fragen nach dem Großvater erhalten. Obwohl oder gerade weil Nina gerade die Trennung von ihrem Ehemann verarbeiten muss, begibt sie sich nach Sizilien, um Patrice bei seiner Arbeit zu helfen.

Vor Ort lernt sie Joëlle Sarfati kennen, die behauptet, die Tochter von Ninas Großvater zu sein. Nina ist verwirrt und fragt sich: „Wenn das Fundament, auf dem die eigene Welt gebaut ist, nicht der Wahrheit entspricht, wie leicht ist man dann zu erschüttern?“ Auch Joëlle ist verwirrt, war sie doch der Meinung, dass Maurice, wie Moritz für sie hieß, zurück nach Deutschland gegangen war und dort mit seiner „anderen“ Familie gelebt hätte. Sie ist überzeugt davon, dass Moritz‘ Überreste in dem Wrack nicht zu finden sein werden, sondern dass er noch lebt, auch jetzt noch. Ein alter Mann, der mehrere Leben lebte und dessen Gegenwart sie zu spüren meint. 

 

In „Piccola Sicilia“ erzählt Daniel Speck, die Lebensgeschichten von Moritz Reincke, Nina und Joëlle. Die Geschichte von Moritz Reincke endet in diesem Buch kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Moritz flieht mit Joëlles Mutter Yasmina, einer Jüdin, und Joëlle nach Palästina. 

In „Jaffa Road“ wird dann sein weiteres Leben erzählt und es stellt sich heraus, dass Joëlle mit ihrer Vermutung, er würde noch leben, recht hatte. Dieses zweite Buch kann man auch lesen, ohne das erste zu kennen, da entsprechende Bezüge hergestellt werden. Aber umfassender ist es natürlich beide zu lesen. 

Samstag, 17. Juli 2021

Regina Scheer „Machandel“

Dieses Buch las ich schon vor einiger Zeit und als ich nun darüber schreiben wollte, blätterte ich noch einmal darin… und las mich erneut fest daran. Nicht dass ich mich nicht mehr an den Inhalt erinnert hätte, aber die Geschichte zog mich wieder in ihren Bann. Und natürlich wusste ich nicht mehr jedes Detail. Das war ja der Grund, warum ich dieses Blog vor sieben Jahren einrichtete. Ich lese viel und tauche mit Begeisterung in die Geschichten ein. Aber wenn eine Zeit vergangen ist, dann weiß ich entweder den Namen des/ der Autor_in nicht mehr oder der Titel fällt mir nicht ein oder ich erinnere wesentliche Details nur noch ungenau. Aufgrund einer beruflichen Veränderung kam ich in den vergangenen vier Jahren kaum noch dazu, über die Bücher zu schreiben, die ich las- immerhin das Lesen konnte ich mir trotz der vielen Arbeit erhalten J

Doch nun habe ich mir vorgenommen, wieder öfter zu schreiben und eben auch über Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren las und über die ich noch nicht schrieb.

Nun also zu „Machandel“. Der Titel ist gleichzeitig auch der- fiktive- Name eines Dorfes im Norden des Landes Brandenburg. In diesem Dorf entdeckt eine junge Frau, Clara, im Jahr 1985 eine verfallene Kate. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael, beginnt sie, diese herzurichten und bewohnbar zu machen. Ein Refugium entsteht. 

In den Ort kam Clara, weil sie ihren älteren Bruder Jan begleitete. Der hatte in Machandel seine Kinderjahre bis zur Einschulung verbracht und wollte sich von dem Dorf verabschieden. Er hatte einen Ausreiseantrag gestellt und würde am nächsten Tag die DDR verlassen.

Regina Scheer erzählt in ihrem Roman von den letzten Jahren der DDR, von der Bürgerrechtsbewegung, aber auch von der Zeit des zweiten Weltkrieges, von Flucht und Vertreibung und vom Schweigen, wie es in vielen Familien existiert. Mit einem Zitat des jüdischen Gelehrten Rabbi Israel ben Elieser macht Regina Scheer den Grundton des Buches deutlich: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Donnerstag, 15. Juli 2021

Juli Zeh „Über Menschen“

Jochen, der Rochen ist eine Hündin, Dora, heißt so (behauptet sie mal eben kurz), weil ihr Haus in Dorfrandlage liegt und ein Dorfnazi ist Doras rechter Nachbar- echt jetzt!

Dora, eine Werbetexterin kauft sich ein Haus in der Prignitz und zieht zu Corona- Zeiten aus Berlin dorthin. In Berlin lebte sie mit ihrem Freund in einer Altbauwohnung, nun lebt sie allein im Nirgendwo. In einem Ort, in dem es weder einen Supermarkt, noch einen Bäcker oder sonst irgendeinen Laden gibt. Bald wird ihr klar, dass es kein „Schwarz- Weiß“ gibt, dass die Gewissheiten, mit denen sie bisher lebte, sich in diesem kleinen Dorf auflösen wie Zucker im Kaffee. 

Wenn der Nachbar zur Rechten, nicht nur rechts von einem wohnt, sondern auch ein bekennender Neonazi ist, wenn der Nachbar gegenüber von „Pflanzkanacken“ spricht und damit die Erntehelfer meint… kann man dann mit denen überhaupt reden? Ja, kann man an so einem Ort überhaupt leben? Da muss man sich doch abgrenzen! Aber so einfach ist das Leben eben nicht. Das macht Juli Zeh in ihrem Buch so wunderbar deutlich. 

Sie lässt uns teilhaben an der Wandlung, die in der Werbetexterin Dora vor sich geht und bewirkt durch ihren Schreibstil, dass man sich beim Lesen selbst hinterfragt- jedenfalls ging mir das so.

Es geht in diesem Buch um Stadt und Land, um Nazi und Gutmensch, um Corona, um Arbeit und Burnout, und bei all dem letztlich um Menschlichkeit. Wie gehen wir miteinander um, wann ist der Mensch ein Mensch etc.

 

In Bezug auf die Corona- Krise lässt die Autorin Dora an einer Stelle sagen, was für das Leben insgesamt gilt:

„Meistens besteht das Leben aus Trial an Error, und der Mensch kann viel weniger begreifen und kontrollieren, als er glaubt.“

 

Und an einer anderen Stelle allgemeiner/ die gesellschaftliche Situation betreffend: „Die Tragik unserer Epoche,…, besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

 

Dieses Buch ist hochaktuell, witzig, nachdenklich und relativiert so manche Hysterie unserer Zeit.

 

 

 

 

Mittwoch, 30. Dezember 2020

David Grossman „Was Nina wusste“

„Vera ist, wie jeden Morgen, schon früh aus dem Haus gegangen, ihre ‚Alten‘ besuchen, die übrigens alle ein paar Jährchen jünger sind als sie. Die wird sie mit ihrer aufmüpfigen Lebensfreude betäuben… Danach wird sie mit zusammengepressten Lippen und energischen Armbewegungen, die enge rosa Badekappe auf dem Kopf, dreißigmal um das Schwimmbecken herumlaufen und dann auf ihrem Seniorenscooter zum Kibbuzfriedhof düsen- das Gesicht dicht an der Windschutzscheibe, den Po in der Luft, eine Lebensgefahr für jeden, der um diese Uhrzeit im Kibbuz unterwegs ist.“

 

Dieses Zitat macht den Ton deutlich, in dem dieses Buch geschrieben ist. Immer wieder musste ich lächeln. Dabei geht es auch um Krieg, Folter, Vertreibung, Tod von nahen Menschen und darum, was das Schweigen mit den Menschen macht, die davon betroffen sind. Diejenigen, die schweigen und diejenigen, denen das Schweigen begegnet. In erster Linie erzählt uns David Grossman aber die Geschichte von Vera, Nina, Rafi und Gili. Dieses Buch zu lesen und an vielen Stelle zu lächeln, an manchen zu weinen ist, wie es eben ist, das Leben. Es gibt Tragödien, aber es gibt auch Glücksmomente und manchmal ist beides nah beieinander. Und manchmal gelingt es, die Tragödien zu ertragen/ ertragbar zu machen, in ein anderes Licht zu rücken… wie auch immer… wenn man einem Menschen wie Vera begegnet, der pragmatisch, aber mit einem großen Herzen handelt.

 

Vera hat gerade ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert, als ihre Tochter Nina wieder auftaucht. Nina, die Mutter ihrer Enkelin Gili. So beginnt der Roman. David Grossman lässt Gili, die Enkeltochter, die bei ihrem Vater Rafi aufwuchs, weil ihre Mutter irgendwann verschwand, die Geschichte erzählen. Rafi drehte Filme, Gili trat in seine Fußstapfen. Die beiden beschließen, mit Nina und Vera in deren Geburtsland zu fahren und dabei Vera ihre Lebensgeschichte erzählen zu lassen. Für Nina. Für Gili. Und alles aufgenommen mit einer alten Sony- Handkamera. 

Dienstag, 29. Dezember 2020

Daniel Speck „Bella Germania“

Ich las von diesem Autor bereits das Buch „Piccola Sicilia“, über das ich hier noch schreiben werde.

Nun fiel mir dieses Buch in die Hände und ich las es mit der gleichen Begeisterung, wie jenes.

Eine große Liebe, Familiengeheimnisse, Familientraditionen, Ansprüche ans Leben- erfüllte und unerfüllte, das sind die wesentlichen Themen, die in diesem Buch zu einer spannenden und gleichzeitig sehr berührenden Geschichte verwoben werden. Gleichzeitig verfolgt man wie nebenbei auch die politische Entwicklung, da ja keiner der Protagonisten im luftleeren Raum lebt, sondern als mehr oder weniger aktiver Teil dieser Entwicklungen: der Lizenzvertag zwischen BMW und Rivolta über die Isetta, der mit Italien ausgehandelte „Gastarbeiter- Vertrag“, wie diese Menschen dann hier in Deutschland ankamen oder eben auch nach Jahrzehnten noch nicht dazugehörten, die RAF, die Olympiade 1972 mit ihren schrecklichen Ereignissen… 

Giulietta ist jung, Sekretärin in der Autofirma „Iso Rivolta“ in Italien und hatte während ihrer Ausbildung ein paar Deutsch- Sprachkurse besucht. Als der junge Ingenieur Vincent aus Deutschland nach Italien kommt, um sich im Auftrag seines Arbeitgebers BMW die „Isetta“ anzusehen und einzuschätzen, ob dieses Auto in Deutschland verkauft werden könnte, wird Giulietta als Übersetzerin zu den Gesprächen gebeten. So lernen die beiden sich kennen.

Natürlich ist Giulietta, ursprünglich von einer Insel südlich von Sizilien kommend, bereits einem Mann „versprochen“, weil das eben auf den Inseln so üblich ist. Aber Giulietta hat Träume, die sie in dieser Ehe vermutlich niemals wird realisieren können.

Vincent hat während des Krieges alles verloren. Keine Familie stützt ihn, alles hat er durch glückliche Umstände und eigene ehrgeizige Arbeit erreicht. In Deutschland ist zudem fünf Jahre nach Kriegsende alles im Aufbruch, in der Veränderung. 

Die beiden verlieben sich ineinander und beginnen eine heimliche Beziehung. Als Vincent zurück nach Deutschland fährt, will Giulietta mit ihm gehen. Sie will den Sprung wagen, will leben, lachen und sich ihren Traum vom Verkauf ihrer eigenen Mode- Entwürfe verwirklichen.

Aber es kommt anders. Die Traditionen, die Ehrfurcht vor der Mamma, die nun einmal etwas anderes bestimmt hat, halten Giulietta zurück. Sie heiratet den, dem sie versprochen ist, schenkt einem Sohn das Leben und ist fortan Mutter und Hausfrau. 

So weit der Anfang der Geschichte, auch wenn das Buch anders beginnt.

Samstag, 12. September 2020

Ulrich Tukur „Der Ursprung der Welt“

Ein Mann reist nach Paris. Man weiß anfangs nicht so genau, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Anfangs vermutete ich, dass es in den zwanziger/ dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sei. Aber es ist 100 Jahre später- Anfang der dreißiger Jahre des 21. Jahrhunderts.

Irgendwo habe ich mal gehört oder gelesen, dass sich Geschichte alle 100 Jahre wiederholt. Das scheint Tukur aufzugreifen.

Er lässt seinen Protagonisten ein Fotoalbum finden, in dem er einen jungen Mann sieht, der ihm aufs Haar gleicht. Zwischendurch gibt es immer wieder Szenen, die tatsächlich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts spielen. Besonders gruselig ist, dass der Protagonist diese Szenen erlebt, als geschähen sie ihm, als wäre er der Akteur. Er ist es aber nicht. Immer wieder „erwacht“ er und fragt sich, was ihm da gerade widerfuhr/ was er schreckliches tat, was das mit ihm zu tun hat, warum es überhaupt geschieht/ ob er es wirklich getan hat.

 

Am Ende lässt Tukur seinen Protagonisten denken: „Das Leben ist ein Abgrund, dachte er, in dem jeder mit dem anderen zusammenhing, ein unendlich fein verzweigtes, unterirdisches Geflecht, das die Erde seit Jahrtausenden durchzog und alles Böse und Gute, alles Tote und Lebendige miteinander verband.“ Im Nachwort erklärt er, dass er sich bei der Beschreibung des Arztes in diesem Roman auf eine reale Person bezog, die tatsächlich im Südfrankreich der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts viele Flüchtlinge nicht nur betrog, sondern auch brutal ermordete.

 

Dieser Roman liest sich nicht immer einfach. Manchmal weiß man einfach nicht, was man davon halten soll. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich so hilflos fühlt, weil alles so aussichtslos erscheint? Die Welt, in der der Roman spielt, ist komplett digitalisiert. Drohnen und Handyüberwachung. Ich habe, unabhängig von diesem Buch schon manchmal gedacht, dass eine Diktatur in der heutigen Zeit mit den Menschen leichtes Spiel hätte. Jeder ist doch jederzeit auffindbar, weil vernetzt. Wer schaltet noch sein Handy aus? Wer postet nicht irgendwo irgendwas? Selbst Nachrichten, Mails, mal ganz abgesehen von Messengerdiensten wie WhatsApp, sind jederzeit einsehbar, wenn man das will und über die entsprechende Technik verfügt… ein gruseliger Gedanke, der manchmal in mir aufsteigt. Glücklicherweise leben wir nicht in einer solchen, das Leben des Einzelnen jederzeit bedrohenden Staatsform. Noch nicht… Manchmal befürchte ich jedoch, wenn ich die Nachrichten verfolge, dass sich Geschichte tatsächlich alle 100 Jahre wiederholt. Dann wünsche ich mit aller Kraft, dass dem nicht so sein möge, dass die Menschen nicht nur die Technik weiterentwickelt haben, sondern auch ihr Bewusstsein für die Katastrophe, die eine undemokratische Gesellschaft bedeutet.

Benjamin Myers „Offene See“


Es ist die Geschichte eines Jungen, der, sechzehnjährig, unmittelbar nach seinen Prüfungen, aufbricht, um das Meer zu sehen. Er schläft in der Natur, in Scheunen, in Ställen und verdient sich sein Essen durch Gelegenheitsarbeiten. Den Weg legt er zu Fuß zurück.

Eines Tages trifft er so auf Dulcie, eine ältere Dame, die in einem Cottage mitten in einem großen, verwilderten Garten lebt. Das Meer ist nah, Robert hat also sein Ziel erreicht. Dennoch will er eigentlich weiterziehen.

Aber irgendetwas hält ihn dort auf dem Hügel mit Blick aufs Meer. Dulcie scheint ihn irgendwie zu mögen, wenn auch auf eine zeitweise etwas harsche Art. So bleibt er noch einen und noch einen Tag und schließlich den ganzen Sommer. 

Dienstag, 25. August 2020

Mercé Rodoreda „Der Garten über dem Meer“


Diesen Roman liehen mir meine Nachbarn aus, die gerade auf dem Weg in ihr südfranzösisches Feriendomizil, nahe der katalanischen Grenze waren.

Es ist eine Geschichte, die an den großen Gatsby erinnert, sicherlich auch, weil sie- ohne dass dies je genau benannt wird- offensichtlich in derselben Zeit spielt.

Erzählt wird die Geschichte vom Gärtner des Gartens über dem Meer. Er erklärt gleich zu Beginn, dass er alt sei und sich nicht mehr an alles genau erinnere. Seine Sprache ist bedächtig und die Lektüre dieses Buches vielleicht auch dadurch sehr entspannend.

Er erzählt über sechs Sommer in jenem Haus im Garten über dem Meer. Die Herrschaften leben dort nur im Sommer. Den Winter verbringen sie in Barcelona.

Freitag, 24. Juli 2020

Stefanie Gregg „Nebelkinder“

Eine Geschichte über Flucht und deren Folgen. 

Eine Mutter flieht mit zwei Töchtern (Anastasia und Helene), ihrer Schwester und deren Sohn aus Breslau, dem heutigen Wrozlaw. Es gelingt ihnen in den letzten Zug aufgenommen zu werden und später werden ihnen sogar Sitzplätze organisiert. Damit dies alles möglich ist, müssen die beiden Mütter den Soldaten, die den Zug begleiten, „zur Verfügung stehen“. Die Kinder bekommen das zwar mit, wissen aber nicht wirklich, was geschieht. 

Es ist Winter und eisig kalt. Es gibt so gut wie nichts zu essen, man kann sich nicht waschen und bekommt nur selten etwas zu trinken. So geht das tagelang. Niemand weiß, ob der Zug es schafft, wie lange sie unterwegs sein werden, ob sie diese Fahrt überleben.

Die zweite Erzählebene spielt in der heutigen Zeit. Lilith, die Tochter von Anastasia steht vor einer Entscheidung, die ihr Leben stark verändern kann. Da sie unentschlossen ist, lädt Anastasia sie zu einer Reise nach Wrozlaw ein… und sie beginnt zu erzählen, was damals geschah. 

Lilith erfährt Dinge, über die noch nie geredet wurde und beginnt langsam zu verstehen, was sie nie begreifen konnte. Der Titel des Buches bezieht sich genau auf dieses Gefühl: dieses Stochern im Nebel. Man spürt, dass da etwas ist, aber selbst auf Fragen erhält man keine Antwort oder nur Erklärungen, die den Nebel nicht lichten, weil sie ausweichend gegeben werden…

 

Diese Geschichte macht in Romanform deutlich, was Sabine Bode in ihren Büchern „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel“ herausgearbeitet hat: all die Schrecken des Krieges und der Flucht verlieren sich nicht, indem man einfach nicht darüber redet. Im Gegenteil: die verdrängten schrecklichen Erlebnisse verwandeln sich in Ängste und Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dass die Schrecken von Generation zu Generation weiterwirken. 

Ich denke, dass dies für alle Geheimnisse gilt, die es in Familien gibt. Jeder Schrecken, der nicht verarbeitet wird, gärt weiter, prägt das Verhalten und wird so ungewollt auf die Kinder und Kindeskinder übertragen. Das Schlimme daran ist, dass die folgenden Generationen sich manche Gefühle oder Verhaltensweisen nicht erklären können, denn sie selbst hatten diese Erlebnisse ja nicht. Wenn nicht, wie Anastasia in diesem Buch, diejenigen, die diese Erlebnisse hatten, sich öffnen und darüber sprechen, werden die Kinder und Kindeskinder immer weiter „im Nebel stochern“.

 

Ich fand es ein wenig schade, dass manche Personen aus der Geschichte später „verschwanden“. So erfährt man nicht, was aus Anastasias Schwester Helene wurde, was aus Wolfi, dem Cousin der beiden und seiner Mutter Selma, die ja auch die Flucht erlebten. Aber vielleicht gibt es irgendwann noch eine Fortsetzung zu diesem Roman?

 

Lena Johannson „Die Malerin des Nordlichts“


Ein Roman über eine starke Frau, Signe Munch Siebke, die heute kaum bekannt ist, da ihre Bilder während der Besatzung Norwegens durch die deutschen Truppen fast vollständig verloren gingen.

Natürlich erfährt man auch etwas über Edvard Munch, den berühmten Onkel Signes. Sie hat eine nahe Beziehung zu ihm, wehrt sich aber stets dagegen, auf die Verwandtschaft mit ihm reduziert zu werden. Sie sucht ihren eigenen Weg in der Malerei und findet ihn auch- so jedenfalls wird es im Buch beschrieben.

Signe heiratet, weil ihr Vater das von ihr erwartet. Diese Ehe ist für sie jedoch wie ein Korsett, das ihr die Luft zum Atmen nimmt. Sie verspürt den Drang zu malen, was ihr Mann aber nicht goutiert. Also entschließt sie sich, die Scheidung einzureichen, was in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Signe steht danach für sich, studiert Kunst und bestreitet ihren Unterhalt durch Schreibarbeiten sowie das Engagement für den Verein junger Künstler. Durch ein Stipendium kann sie Erfahrungen in Kopenhagen sammeln.

Mit ihrem zweiten Mann Einar Siebke engagiert sie sich im Widerstand. 

Der Leser erfährt viel über das Malen allgemein, über Farben und Atmosphäre, Technik und Licht, aber auch über die Künstler- Bohème in Kristiania, das erst ab 1924 wieder Oslo genannt wird sowie über den Widerstand gegen die deutsche Besatzung.

Aus meiner Sicht ein lesenswertes Buch.

Armando Lucas Correa „Die verlorene Tochter der Sternbergs“


 

Familie Sternberg lebt in Berlin. Der Vater ist Kardiologe und die Mutter betreibt den Buchladen, den sie von ihrem Vater übernommen hat, den „Büchergarten“ in Berlin Charlottenburg. Die beiden lieben sich und ihre beiden Töchter Viera und Lina innig. Aber sie sind Juden und das ist mit Machtantritt der Nazis kein gutes Vorzeichen für ein glückliches Leben.

Armando Lucas Correa beschreibt in diesem Buch die Leben der Mitglieder dieser Familie. Der Vater stirbt schnell, nachdem er von den Nazis abgeholt wird. Es gelingt ihm jedoch, zuvor noch die Flucht seiner Töchter vorzubereiten. Beide sollen am 13. Mai 1939 mit dem Passagierschiff „St. Louis“ nach Kuba zum Bruder seiner Frau reisen. Wenn er selbst und seine Frau schon nicht gerettet werden konnten, so sollten es wenigstens die Kinder schaffen. Der Vater eines ehemaligen Patienten, ein Nazi zwar, aber doch dankbar gegenüber Dr. Sternberg, der das schwache Herz seines Sohnes gestärkt hatte, war aktiv geworden und hatte alles für die Flucht der Töchter der Sternbergs organisiert.

Amanda, die Mutter von Viera und Lina, kann keine Dankbarkeit empfinden. Wie auch? Ihr Leben ist zerstört, der Buchladen leer, die Bücher verbrannt, ihr geliebter Mann tot und nun soll sie sich auch noch von ihren Töchtern trennen. Sie entschließt sich, am Pier erst, nur die ältere der beiden auf das Schiff und nach Kuba zu ihrem Bruder zu schicken. Mit der jüngeren flieht sie weiter nach Frankreich in ein Dorf in der Nähe von Limoges zu der Frau eines Freundes ihres Vaters, Claire.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“ und „Die langen Abende“

Bei einem meiner Streifzüge durch die Buchhandlung fand ich den Roman „Die langen Abende“ von Elizabeth Strout. Auf dem Buchrücken stand, dass es in diesem Buch ein Wiedersehen mit Olive Kitteridge gäbe. Das sagte mir nichts, obwohl ich doch schon einige Bücher der Autorin gelesen hatte. Also beschloss ich, zunächst das Buch „Mit Blick aufs Meer“ zu lesen, in dem jene Olive die Heldin war und für das Elizabeth Strout 2009 den Pulitzerpreis erhielt.

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass ein Buch gut ist, nur weil es einen Preis erhielt. Aber da mir die Schreibweise der Autorin gefiel und ich eine Reihe gern von vorn beginne, las ich also zuerst „Mit Blick aufs Meer“ und dann die Fortsetzung „Die langen Abende“.

Elizabeth Strout beschreibt das Leben in einem kleinen fiktiven Ort an der Küste von Maine. Sie beobachtet genau und wertet nie. Das führt dazu, dass sich der Leser so fühlt, als wäre er selbst dort und würde sehen, was vor sich geht. Irgendwann stellt man fest: Das ist, was man auch in seiner eigenen unmittelbaren Umgebung beobachten kann. Angeregt durch die Lektüre, schaut man genauer hin, sieht plötzlich bei sich selbst oder den Nachbarn Dinge, die sonst eher vorbeirauschen, nicht auffallen oder verdrängt werden.

Die einzelnen Kapitel (in beiden Büchern) scheinen manchmal ohne Zusammenhang zu sein, da immer wieder von anderen „Häusern“ (im Sinne von Familien/ Schicksalen) erzählt wird. Häufig dachte ich an den Spruch einer meiner Großmütter: „Unter jedem Dach ein Ach!“ Nein, lustig ist das selten. Auch nicht so, dass man es erstrebenswert fände. Und doch ist es eben das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, die es für jeden Menschen hat. 

Die Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen Leben stellt immer wieder Olive Kitteridge dar. Sie taucht mal intensiver, mal nur kurz in jeder der Geschichten auf. Auf diese Weise wird im Grunde das Leben der Olive Kitteridge erzählt. Man begleitet sie von der Zeit als junge Mutter über die mittleren Jahre (im ersten Buch) bis ins hohe Alter (im zweiten Buch).

Freitag, 17. Juli 2020

Emily Gunnis „Das Haus der Verlassenen“

Dieses Buch habe ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen! Gut, dass ich Urlaub habe und mir darum diese Zeit nehmen konnte ;)

Es geht um Mutter- Kind- Heime in England in den 50er/ 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Inzwischen weiß man viel über die „Magdalenen- Heime“ in Irland, über die am Ende der 1990er/ Anfang der 2000er Jahre immer mehr veröffentlicht wurde. Dass es solche Heime auch in anderen Ländern so oder ähnlich gab, ist inzwischen ebenfalls bekannt. 

Emily Gunnis schreibt in ihrem Nachwort, dass das im Roman benannte Heim eine Fiktion ist, dass es aber auch in England solche Heime gab und sie sich mit ihren Beschreibungen auf die Zustände in verschiedenen Einrichtungen auf dem Gebiet Großbritanniens bezieht.

Der Roman beginnt mit dem Brief einer jungen Frau an ein kleines Mädchen, in dem sie diesem erklärt, wie es aus dem schrecklichen Heim fliehen kann, während die junge Frau durch ihren Freitod für Ablenkung sorgen wird.

Beide, die junge Frau und das kleine Mädchen, sind gefangen in diesem, von Nonnen geführten, Heim. Das Mädchen wurde dort geboren und irgendwann von den Adoptiveltern, an die man es vermittelt hatte, zurückgebracht. Es fristet sein Dasein unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Dachboden des Hauses. Die junge Frau brachte ihr uneheliches Kind in diesem Heim zur Welt und wurde, wie alle „gefallenen“ Mädchen, die in diese Einrichtung kommen, gezwungen, es zur Adoption freizugeben. Beide müssen von morgens bis abends schwer in der Wäscherei schuften, bekommen nur wenig zu essen, sind niemals ohne Aufsicht, dürfen nie aus dem Haus, nicht einmal in den Garten- kurz: es sind Zustände, von denen man denkt, so etwas hätte es vielleicht im Mittelalter gegeben. Wie inzwischen bekannt ist, wurden diese Heime aber bis weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts- für die Verantwortlichen sehr ertragreich- betrieben.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Éric Vuillard „Die Tagesordnung“


Ein schmales Büchlein mit gewichtigem Inhalt. Ausgehend vom Treffen vierundzwanzig hochrangiger Vertreter der Industrie mit Adolf Hitler am 20. Februar 1933 skizziert Vuillard die Zeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Dabei betrachtet er vor allem das, was hinter den Kulissen geschah, das, was nicht unbedingt zum allgemeinen Wissen gehört und vergleicht am Ende die Bereitschaft der Industriellen, den Wahlkampf von Adolf Hitler zu finanzieren mit der, lange nach dem Krieg die vergleichsweise wenigen noch lebenden Zwangsarbeiter zu entschädigen, die unter unmenschlichen Bedingungen maßgeblich zum noch heute existierenden Reichtum der Firmen beitrugen.

Dieses Buch liest sich nicht mal eben so weg. Es setzt einiges Wissen über diese düstere Zeit voraus und ist in einer Sprache geschrieben, die Konzentration erfordert. Überliest man einen Satz, will man querlesen, geht der Sinn des Ganzen verloren und man blättert zurück, liest noch einmal.

Ein Zitat als Beispiel: „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörter Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“

Ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich für Geschichte interessieren und Freude an tiefgründiger Literatur, gedanklichen Winkelzügen sowie stellenweise sarkastischem Tonfall haben.

 

 

Montag, 13. April 2020

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“


So lange habe ich nicht mehr über eines der Bücher geschrieben, die ich las. Nun endlich nehme ich mir wieder die Zeit dafür.
Zeit, darum geht es unter anderem in diesem Roman von Pascal Mercier. Bereits seinen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ las ich mit Begeisterung und nun dieses Buch.
Anfangs hatte ich Schwierigkeiten hineinzufinden in den Text. Es geht um einen Mann, den Übersetzer Simon Leyland, dem ein Arzt eine schreckliche Diagnose eröffnet. Noch einige Wochen, vielleicht Monate habe er zu leben. Dann, elf Wochen später: es war ein Irrtum! Er ist gesund. Wie lange ihm nun noch bleibt, weiß er nicht. Nur, dass es vermutlich länger sein wird als eben noch angenommen.
Anfangs fand ich es mühselig, seinen Blick nach innen und in die Vergangenheit mitzuverfolgen. Dann jedoch veränderte sich etwas und ich genoss zunehmend die philosophischen Betrachtungen und Gespräche, die Leyland sowohl im realen Leben, als auch in seinen Briefen führt. Diese Briefe an seine, schon vor langer Zeit verstorbene, Frau erzählen von seinem bisherigen Leben, geben Einblick in das, was ihn jetzt ausmacht und was ihn in der Vergangenheit beschäftigte. 
Zeit ist ein großes Thema in diesem Buch. Wie gehen wir um mit unserer Zeit solange wir meinen, noch viel davon zu haben? Wie oft lassen wir Zeit verstreichen oder verschwenden unsere Zeit? Die Passagen, in denen sich Leyland mit anderen oder mit sich selbst mit diesem Thema auseinandersetzt, haben mich sehr nachdenklich werden lassen und mich angeregt, mir auch meine Zeit anzuschauen. Wie genieße ich meine Zeit? Wie oft vertrödele ich sie einfach nur? Was es bedeutet, seine Zeit zu vertrödeln, zu vergeuden etc., darüber philosophiert auch Leyland zwischenzeitlich mit seiner Tochter.