Freitag, 25. Juli 2014

Anne Gesthuysen „Wir sind doch Schwestern“

Die Geschichte erzählt von drei alten Damen. Alle drei haben zum Zeitpunkt der Geschichte ein unglaubliches Alter erreicht: 84, 98 und 100! Sie treffen sich zum Hundertsten von Gertrud. Die Jüngste richtet den Geburtstag aus. Wenn man sie so agieren sieht, dann glaubt man manchmal nicht, dass sie bereits 84 Jahre alt ist. Wie oft kann man wesentlich jüngere Leute heutzutage über vergleichsweise lächerliche Belastungen stöhnen hören? Aber es gab eben schon immer „sone und solche“, nicht wahr? Und Katty, die Jüngste, gehört offensichtlich zu denen, die einfach zupacken können, die voller Energie und Lebensfreude sind und vielleicht auch darum in diesem Alter noch so aktiv?!


Anne Gesthuysen beschreibt das Leben der drei Schwestern vor allem in Bezug auf den Tellemannshof. Was dort geschah und welche Auswirkungen das auf das Verhältnis der Geschwister zueinander, wie auch auf jede einzelne hatte, das ist aus meiner Sicht der wesentliche Teil der Geschichte. Spannend dabei, welche Konventionen und Moralvorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschten und an wie viele dieser sich die Schwestern teilweise bis heute gebunden sehen… glücklicherweise hat sich etliches davon in den nachfolgenden Generationen aufgelöst, wie z.B. die Unmöglichkeit der Heirat außerhalb des gesellschaftlichen Standes, die Verteufelung von Homosexualität als etwas Abartiges oder der Judenhass, der eine Liebe zwischen einer Katholikin und einem Juden unmöglich machte.

Nun gut, Hass und Verachtung sind leider auch heute noch nicht abgeschafft, aber sie sind immerhin und glücklicherweise nicht mehr so gesellschaftsfähig wie damals, auch wenn ich mir bei manchem, was dieser Tage so durch die Medien geht, nicht sicher bin, welche Haltung unsere Regierung und Teile der Bevölkerung dazu wirklich haben…

Aber weiter zu der Geschichte:
Anne Gesthuysen gelingt es, die drei Damen drei Tage lang zu begleiten. Sie beschreibt sowohl die Festvorbereitungen, als auch die Gedanken und Erinnerungen, die bei den Frauen anlässlich dieses Festes hochkommen. So runde Geburtstage und insbesondere die Doppelnull, verführen alle Beteiligten dazu, zurückzublicken: Was war damals und wie kam es zu diesem oder jenem? Wie wäre mein Leben verlaufen wenn…? Können wir nicht doch das eine oder andere Missverständnis noch ausräumen oder wenigstens „zu den Akten legen“, sprich: können wir vergeben/ verzeihen?

Meine Großmutter ist vor zwei Jahren 90 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Geburtstages habe ich einige Ereignisse aus ihrem Leben chronologisch zu Papier gebracht. Wir haben schon immer viel darüber gehört von ihr und es bereitete ihr immer Freude, zu erzählen von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihrem Überleben im zweiten Weltkrieg, der schweren Zeit danach… ich habe alles in Form gebracht und mit Fotos versehen und es ist ein Dokument entstanden, das auch nachfolgenden Generationen die Möglichkeit gibt, sich an die Oma und die Zeit, in der sie aufwuchs zu erinnern… außerhalb des Wissens der Geschichtsbücher, ganz privat, ganz persönlich…

Ich denke, das Buch von Anne Gesthuysen hat ähnlichen Charakter für ihre Familie. Sie hat, anders als ich, daraus einen Roman gemacht und damit die Möglichkeit geschaffen, auch andere anzuregen, in der eigenen Familie vielleicht genauer hinzuschauen, zuzuhören, sich erzählen zu lassen… 

Vieles versteht man erst, wenn man weiß, unter welchen Umständen es entstand und Verständnis füreinander ist eine gute Basis für harmonischen Umgang miteinander…


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