Samstag, 5. Juli 2014

Daniel Kehlmann „Ruhm“

„Die Vermessung der Welt“ war ein Riesenerfolg und wurde sogar verfilmt. Hat der damit zusammenhängende Ruhm Herrn Kehlmann dazu gebracht, aufzuschreiben, wie es einem gehen kann, wenn man jenen plötzlich erlangt?
Dieser Roman in neun Geschichten, wie der Untertitel verrät, hat bei mir das Gefühl ausgelöst, dass der Autor schlichtweg Angst vor dem Ruhm hat: entweder man wird verrückt und weiß plötzlich nicht mehr, wer man ist oder will sowieso ein anderer sein, oder man wird auf einer Lesereise einfach vergessen und muss nun sein Dasein in der asiatischen Steppe bei einfachen Bauern fristen, weil niemand nach einem sucht. Nerv tötend sind die Fragen der Leser, weil es die immer gleichen sind: Woher haben Sie Ihre Ideen? und Wissen Sie, wo ich Ihr Buch gelesen habe? Oder die Figuren, die irgendwie alle real sind und manchmal dann einfach machen was sie wollen, Beziehungen, die zerbrechen, weil die Menschen sich plötzlich in einem der Bücher des Autors wiederfinden, fanatische Fans, die keinen Bezug zur Realität haben und einem womöglich das Hotelzimmer zerlegen… Das muss einen ja verrückt machen!!! Der arme Autor!!!
Ich denke, Herr Kehlmann hätte gut daran getan, wenn er aus jeder der Geschichten einen eigenen Roman gemacht hätte, denn dieses Potential haben sie aus meiner Sicht. So in dieser Kürze zusammengefasst, hinterlassen sie jedoch den bitteren Nachgeschmack dessen, dass der Autor dieses Buch zur Verarbeitung seiner Erfahrungen und Ängste geschrieben hat, zur Warnung vielleicht auch an alle, die Ruhm anstreben: Seht, das alles könnte euch passieren!!!

Natürlich kann man mir jetzt entgegenhalten, was auf dem Buchdeckel steht: „Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen- komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der ‚Vermessung der Welt‘.“ Und ja, in jeder Geschichte tauchen Figuren aus der anderen irgendwie auf, gibt es durchaus auch erfreuliche Momente beim Lesen, wenn sich doch etwas klärt. Aber mich interessiert nun einmal, was aus der Autorin wird, die in der Steppe vergessen wurde oder aus dem Star, der plötzlich durch sein Double ersetzt wurde oder auch nicht. Gut, vielleicht wäre es intellektueller zu sagen: Oh, interessant, elegant erzählt! Da hat man so viele Möglichkeiten, die Geschichte selbst weiterzuspinnen. Hallo???!!! Ich kaufe doch kein Buch, um mir die Geschichte selbst weiterzuspinnen!!! Also jedenfalls nicht nach so wenigen Seiten und nicht nach so wenig Erzähltem!


Gut, also nochmal kurz: das Buch ist durchaus lesenswert, wenn man es liebt viele angefangene Geschichten, die in der Schwebe bleiben und (sehr viel)Raum für Spekulation lassen, zu lesen. Es ist auch lesenswert, wenn man Spaß an verrückten Ideen und grotesk miteinander verknüpften Leben hat, z.B.: eine Beziehung geht in die Brüche, weil eine Telefonnummer doppelt vergeben wurde, was wiederum nur geschah, weil der verantwortliche Mensch bei der Telefongesellschaft gerade verliebt ist und beginnt ein Doppelleben zu führen. Das ist schon auch witzig… aber für meinen Geschmack eben zu viel davon und zu wenig zu Ende erzählt. So. Punkt.

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