„In Slawa wurden jetzt
die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das Kartoffelkraut
brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war sie gekommen,
unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts.“ Daran denkt die Großmutter in
diesem Buch, Nadjeshda Iwanowna, auch Baba Nadja genannt. Sie ist Russin und
als Schwiegermutter in die DDR gekommen. Ihre Tochter hatte einen deutschen
Kommunisten geheiratet und sie zu sich geholt, als sie zu alt wurde, um allein
zu leben.
Der Roman stellt in
Zeitsprüngen hin und zurück das Leben mehrerer Generationen einer Familie in
einem Ort nahe Berlins dar. Den Stumpfsinn, den Schwachsinn, die Dummheit der
Funktionäre und derer, die ihnen folgten, weil sie „etwas“ erreichen wollten.
Das wenige das überhaupt möglich war.
Das „abnehmende
Licht“, der Herbst, der nahende Winter, die Zeit also, in der die Natur ruht,
in der es nur wenig sichtbares Leben gibt, wählte Eugen Ruge als Titel seines
Buches. Ein Gleichnis. Dieser Staat DDR war von Anfang an auf dem Weg in den
Winter. Das Ausschalten „unbequemer“ Genossen, das Besetzen von leitenden
Stellen mit teilweise ungebildeten, faulen, unfähigen Menschen, die nur in
einem gut waren, nämlich im Nachplappern der Phrasen, die die Parteilinie
ausgab- das ließ bereits am Anfang das Ende aufscheinen. Es gab keinen Frühling
und keinen Sommer. Dieser Staat begann im Herbst und endete im Winter. Es gab
keine Vorräte, keine gespeicherte Energie, die in diesem Klima hätten zu einem
Frühling führen können. Und so beschreibt Eugen Ruge auch das Leben seiner
Figuren. Ausnahmslos jeder in dieser Familie endet elend und verbittert. So
habe ich es jedenfalls empfunden.
Die Großeltern, die
bis 1951 im mexikanischen Exil lebten: sie leidet an Asthma, am Tod ihres
ältesten Sohnes Werner, der in einem russischen Lager starb, in das er wegen
Verstoß gegen die Parteilinie gesteckt wurde. Sie leidet an ihrem Mann, an
ihrer Schwiegertochter und daran, damals nicht doch bei ihrer heimlichen Liebe
Adrian in Mexiko geblieben zu sein. Sie wollte den jungen Staat mit aufbauen,
sie war den Kommunisten dankbar, die ihr in den dreißiger Jahren eine
Ausbildung ermöglichten und Wertschätzung entgegenbrachten. Aber sie sieht im
Grunde schon vor ihrer Rückkehr nach Europa, dass das System nicht
funktioniert.
Ihr Mann, gelernter
Schlosser, wird nach der Rückkehr als Verwaltungsdirektor eines Institutes
eingesetzt, ohne irgendeine Ahnung von dem zu haben, was er nun tun soll. Er
gehört zu den glücklichen in diesem Roman. Er lebt in seiner schlichten
Gedankenwelt, hält sich für nahezu göttlich und bekommt jährlich die
Bestätigung dafür in Form eines Ordens.
Kurt, der Vater,
betrügt seine Frau, wie auch sie ihn. Arbeitet als Historiker in der DDR,
publiziert viel, erhält Anerkennung dafür, verzweifelt an seinem Sohn, der
nicht so ist, wie er es sich wünscht und endet einsam und dement in seinem
großen Haus.
Irina, die Mutter,
Russin, wäscht, baut das Haus um und kocht mit
Leidenschaft, was Ruge ausführlich beschreibt. Sie endet als
Alkoholikerin, einsam und verzweifelt.
Alexander, der Sohn,
irrt durch sein Leben, findet keinen Halt, keinen Boden, macht dies und das,
inszeniert Theaterstücke und erhält schließlich die Diagnose: Krebs. Er betreut
noch einen letzten Tag seinen alten Vater in dessen Haus, nimmt das Geld, das
sein Vater im Safe liegen hatte und fliegt damit nach Mexico um auf den Spuren
seiner Großeltern zu wandeln, was ihm aber auch keine wirkliche Freude oder
Befriedigung verschafft. Am Ende liegt er in einer Hängematte und lässt sein Leben
aus sich herausrinnen.
Die einzige, die in
diesem Buch aus meiner Sicht liebevoll beschrieben wird und glücklich wirkt,
ist Baba Nadja, die russische Großmutter von der die Worte mit dem abnehmenden
Licht stammen.
Deprimierend, wenn
einer so viel Verbitterung anhäuft, wenn er alles grau sieht und nirgendwo mehr
Licht aufscheint. Der Titel des Buches ist Programm: das Licht nimmt ab und
irgendwann ist es weg und es ist dunkel, selbst wenn einer in einer Hängematte
in Mexico liegt…
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