Samstag, 5. Juli 2014

Gillian Flynn „Gone Girl- Das perfekte Opfer“

Was für eine Geschichte! Erst war ich mir nicht sicher, dann dachte ich zunehmend: doch, Nick Dunne hat seine Frau getötet… vielleicht… oder sie ist einem anderen Verbrechen, dem eines Fremden zum Opfer gefallen? Aber es spricht doch immer mehr gegen ihn: so wie er sich beschreibt, wie er beschrieben wird, die Indizien, vor allem aber die Tagebucheinträge seiner Frau Amy, die im ersten Teil immer wieder zwischen die aktuellen Ereignisse geschoben werden…
Und dann kommt es doch ganz anders. Ich war entsetzt und die Geschichte entwickelte einen Sog, der mich unaufhörlich mitriss. Ich las die ganze Nacht hindurch. Gegen 5.30 Uhr blätterte ich die letzte Seite um … und saß dann fassungslos noch eine ganze Weile auf meiner Couch, während es draußen langsam hell wurde… glücklicherweise hatte ich gerade Urlaub und konnte den Nachtschlaf am Tag nachholen.

Wer bisher geglaubt hat, dass absolut jeder Mensch etwas, irgendetwas, wenigstens eine Kleinigkeit an sich hat, das liebenswert ist, der wird in diesem Buch eines Besseren belehrt. Hier wird gezeigt, dass es DAS Böse gibt, einen Menschen, der andere so komplett zerstören kann, dass sie sich nicht mehr wiederfinden. Und ich meine damit nicht die physische, sondern die psychische Variante der Zerstörung.
Immer wieder fragte ich mich, was dazu beitrug, dass sich dieses Abgründige entwickelte, ob die Anlage dafür bereits da war und nur begünstigende Umstände dazu führten, dass es ein solches Ausmaß annahm? Ob vielleicht eine Wechselwirkung zwischen den Partnern dazu führte, dass sich der eine schließlich in diese extreme Richtung entwickelte? Vermutlich spielt all das eine Rolle. Dennoch fand ich keine mich wirklich befriedigende Antwort. Was aber sicher nicht an dem Buch liegt, sondern an dem konkreten Fall, der hier beschrieben wird.

Gillian Flynn gelingt es, den Leser beobachten zu lassen. Sie wertet nicht. Sie stellt die beiden Hauptakteure vor, indem sie diese über sich und den anderen sprechen und ihr Leben reflektieren lässt, das jeweils eigene, aber auch das gemeinsam gelebte Leben. Der Leser betrachtet viele Situationen  sowohl vom Standpunkt des einen, als auch von dem des anderen. Ich glaube, das ist es, weshalb ich mich am Ende so hilflos fühlte, weshalb ich so fassungslos war: ich habe die ganze Zeit versucht, zu verstehen, nachzuvollziehen, das Verhalten beider, das was das Verhalten des einen beim anderen bedingte… aber das was wirklich geschieht, ist nicht nachzuvollziehen… jedenfalls nicht mit menschlichen Wert- und Moralvorstellungen… beziehungsweise nicht für mich.


Die Leser dieses Textes mögen mir verzeihen, dass ich nicht konkreter werde. Täte ich es, würde ich diejenigen, die das Buch nun auch lesen wollen, um den Sog bringen, den ich erlebte… die Spannung wäre weg… und das fände ich doch sehr bedauerlich! 

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