Was
für eine Geschichte! Erst war ich mir nicht sicher, dann dachte ich zunehmend:
doch, Nick Dunne hat seine Frau getötet… vielleicht… oder sie ist einem anderen
Verbrechen, dem eines Fremden zum Opfer gefallen? Aber es spricht doch immer
mehr gegen ihn: so wie er sich beschreibt, wie er beschrieben wird, die
Indizien, vor allem aber die Tagebucheinträge seiner Frau Amy, die im ersten
Teil immer wieder zwischen die aktuellen Ereignisse geschoben werden…
Und
dann kommt es doch ganz anders. Ich war entsetzt und die Geschichte entwickelte
einen Sog, der mich unaufhörlich mitriss. Ich las die ganze Nacht hindurch.
Gegen 5.30 Uhr blätterte ich die letzte Seite um … und saß dann fassungslos
noch eine ganze Weile auf meiner Couch, während es draußen langsam hell wurde…
glücklicherweise hatte ich gerade Urlaub und konnte den Nachtschlaf am Tag
nachholen.
Wer
bisher geglaubt hat, dass absolut jeder Mensch etwas, irgendetwas, wenigstens
eine Kleinigkeit an sich hat, das liebenswert ist, der wird in diesem Buch
eines Besseren belehrt. Hier wird gezeigt, dass es DAS Böse gibt, einen
Menschen, der andere so komplett zerstören kann, dass sie sich nicht mehr
wiederfinden. Und ich meine damit nicht die physische, sondern die psychische
Variante der Zerstörung.
Immer
wieder fragte ich mich, was dazu beitrug, dass sich dieses Abgründige
entwickelte, ob die Anlage dafür bereits da war und nur begünstigende Umstände
dazu führten, dass es ein solches Ausmaß annahm? Ob vielleicht eine
Wechselwirkung zwischen den Partnern dazu führte, dass sich der eine
schließlich in diese extreme Richtung entwickelte? Vermutlich spielt all das
eine Rolle. Dennoch fand ich keine mich wirklich befriedigende Antwort. Was
aber sicher nicht an dem Buch liegt, sondern an dem konkreten Fall, der hier
beschrieben wird.
Gillian
Flynn gelingt es, den Leser beobachten zu lassen. Sie wertet nicht. Sie stellt
die beiden Hauptakteure vor, indem sie diese über sich und den anderen sprechen
und ihr Leben reflektieren lässt, das jeweils eigene, aber auch das gemeinsam
gelebte Leben. Der Leser betrachtet viele Situationen sowohl vom Standpunkt des einen, als auch von
dem des anderen. Ich glaube, das ist es, weshalb ich mich am Ende so hilflos
fühlte, weshalb ich so fassungslos war: ich habe die ganze Zeit versucht, zu
verstehen, nachzuvollziehen, das Verhalten beider, das was das Verhalten des
einen beim anderen bedingte… aber das was wirklich geschieht, ist nicht
nachzuvollziehen… jedenfalls nicht mit menschlichen Wert- und
Moralvorstellungen… beziehungsweise nicht für mich.
Die
Leser dieses Textes mögen mir verzeihen, dass ich nicht konkreter werde. Täte
ich es, würde ich diejenigen, die das Buch nun auch lesen wollen, um den Sog
bringen, den ich erlebte… die Spannung wäre weg… und das fände ich doch sehr
bedauerlich!
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